Die Schreibtrainerin - Logo

Romane schreiben mit dem Stufendiagramm

Ich habe das Stufendiagramm für mich wiederentdeckt und damit die Haupthandlungslinie meines neuen Romans skizziert – und bin begeistert.

Romane schreiben mit dem StufendiagrammDerzeit arbeite ich an meinem fünften Roman. Aus einer ersten Idee habe ich zunächst einen Plot und die dazu passenden Figuren entwickelt. Im nächsten Schritt kamen dann die einzelnen Kapitel dran (mehr dazu in meinem Blogbeitrag „Die Kapitelplanung steht“). Dann ging es weiter mit dem Szenenplan: Dafür habe ich die einzelnen Kapitel genauer ausgearbeitet und auf Szenen verteilt. Für diesen Arbeitsschritt nutzte ich zum ersten Mal eine bewährte Arbeitstechnik: das Stufendiagramm.

Das Stufendiagramm
Über das Stufendiagramm habe ich schon vor etlichen Jahren im Ratgeber von James N. Frey gelesen: „Ein Stufendiagramm ist eine detaillierte Aufstellung der Episoden einer Geschichte.“ Auch Elizabeth George arbeitet mit dem Stufendiagramm: „Ein Stufendiagramm ist für mich nichts weiter als eine Liste von Szenen in kurzer, skizzenhafter Form (..).“ Frey beschreibt das Stufendiagramm noch etwas genauer: “Es gibt keine formale Regeln, wie man ein Stufendiagramm erstellt. Einige Autoren schreiben sehr viele Einzelheiten hinein, andere legen ihr Stufendiagramm nur skizzenhaft und dürftig an. (..) Der Zweck eines Stufendiagramms besteht darin, die Ereignisse in einer fortschreitend durch Ursache und Wirkung bestimmten Reihenfolge zu halten (..).“

Schon vor Jahren habe ich einen ersten Versuch gestartet, mit dem Stufendiagramm zu arbeiten. Denn zu Beginn meiner Entwicklung als Autorin habe ich verschiedene Schreibtechniken ausprobiert. Damals kam ich am besten voran, wenn ich nach dem Plotten jede einzelne Szene plante und schrieb bevor ich mich an die nächste machte. Das Stufendiagramm erschien mir mühsam und meiner natürlichen Arbeitsweise entgegengesetzt. Doch das ist schon einige Jahre her und nun schreibe ich an meinem fünften Buch. Also wollte ich herausfinden, ob das Schritt-für-Schritt weiterschreiben immer noch die beste Technik für mich ist. Da mir das Stufendiagramm schon immer gut gefallen hat und von vielen SchriftstellerInnen erfolgreich eingesetzt wird, wollte ich es damit noch einmal versuchen. Ich war ziemlich überrascht, als ich feststellte, dass ich heute damit ausgezeichnet arbeiten kann!

Mein neuer Romanentwurf
Mit dem Stufendiagramm habe ich innerhalb von ein paar Wochen anhand meiner Kapitelplanung die gesamte Geschichte niedergeschrieben. Diese erste Rohskizze meines neuen Romans umfasst derzeit rund 53 Seiten. Darin habe ich jede Szene meines Romans mit ein paar Sätzen festgehalten. Den Schwerpunkt habe ich auf die Beziehungen zwischen den Figuren gelegt und auf die Entwicklung der Charaktere. Aus den 53 Seiten soll sich in den kommenden Monaten allmählich die fertige Fassung entwickeln mit etwa 300 bis 400 Seiten.

Ich bin begeistert, wie gut ich mit dem Stufendiagramm arbeiten kann. Damit habe ich die Haupthandlungslinie festgehalten, den roten Faden der Geschichte. Die Nebenfiguren habe ich weitgehend außer acht gelassen, mich nicht um „Show don’t tell“ gekümmert, nicht um gute Dialoge oder detailreiche Beschreibungen. Auf diese Weise konnte ich mich ganz auf das Wesentliche konzentrieren: auf den Handlungsverlauf und die Figurenentwicklung. Innerhalb von wenigen Wochen wusste ich: Mein Plot funktioniert! Die Figurenkonstellation passt, die Geschichte entwickelt sich zügig und bleibt spannend, alle Wendungen sind (hoffentlich) überraschend und glaubwürdig. Bingo.

Ausarbeitung der Szenen
Ich freue mich schon jetzt darauf, in den nächsten Wochen und Monaten die Szenen auszuarbeiten. Dabei kann ich mich auf Beschreibungen und Dialoge konzentrieren, auf Zwischentöne und Subtexte. Ganz egal, ob ich gerade den Einstieg schreibe, den Höhepunkt, den Schluss oder irgendwas dazwischen. Ich muss nicht mehr darauf achten, ob alles passt, ob sich die Szene gut in die Geschichte einfügt, ob die Anschlüsse stimmen und die Spannungskurve weiter ansteigt. Das alles habe ich mit dem Stufendiagramm bereits überprüft. Nun kann ich mich ganz der phantasievollen Ausgestaltung der Details widmen.

Die Zitate stammen aus:
James N. Frey, Wie man einen verdammt guten Roman schreibt, Emons Verlag 1993, Seite 97 und Seite 105.
Elizabeth George, Wort für Wort oder Die Kunst, ein gutes Buch zu schreiben, Goldmann Verlag 2004, Seite 83.


Mehr davon? Das Stufendiagramm und andere bewährte Arbeitstechniken zum Romane schreiben erläutere ich in meinem „Intensivkurs Plotten„.

Dr. Anette Huesmann ist Autorin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Sprachwissenschaftlerin. Sie leitet Workshops zum Kreativen Schreiben, schreibt Bücher und berät (angehende) AutorInnen. Hier finden Sie die aktuellen Schreibkurse und hier erfahren Sie mehr über ihr Beratungsangebot.

Beitrag kommentieren

*