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Buchgenres – macht das Sinn oder kann das weg?

Nichts ist so umstritten wie die Einteilung der Buchgenres, sowohl bei Autor*innen, Verlagen, Agenturen als auch bei anderen Beteiligten des Buchmarktes und der Literaturszene. Den einen sind Genres verhasst als unnötiges und phantasieloses Schubladendenken, den anderen gelten sie als ein wichtiges Vermarktungsinstrument. Was ist dran an den Genres?

Es gibt eine Menge Unterscheidungskriterien bei geschriebenen Werken: Epik oder Lyrik, Roman oder Sachbuch, Tragödie oder Komödie, Heftroman oder literarischer Roman, Kriminalroman oder Liebesroman. Einige Kriterien berücksichtigen die äußere Form der Werke, so die Unterscheidung zwischen Epik und Lyrik. Andere wiederum beziehen sich auf den Inhalt wie Tragödie oder Komödie. Auch die Buchgenres beschreiben den Inhalt der Bücher und unterscheiden beispielsweise zwischen Kriminalroman, Liebesroman, Fantasy oder Science Fiction.

Alle Unterscheidungskriterien dienen der Orientierung. Sie beschreiben, in welcher Form sich die Werke unterscheiden oder einander ähnlich sind. Während einige dieser Kriterien etabliert sind – beispielsweise der Unterschied zwischen Tragödie und Komödie – sorgen die Buchgenres regelmäßig für erhitzte Debatten. Denn das, was Buchgenres bei den einen sehr beliebt macht, ist genau das, was anderen übel aufstößt: die Vergleichbarkeit von Werken.

Buchgenres bieten Orientierung

Mehr als 2,5 Millionen Bücher listet das Verzeichnis lieferbarer Bücher [https://www.buchhandel.de] auf. Hinzu kommen Millionen weiterer Bücher, die nicht im Verzeichnis stehen, aber in Universitätsbibliotheken, Stadtbüchereien oder privaten Buchbeständen greifbar sind. Gehe ich auf der Suche nach meiner nächsten Lektüre auf ein Portal wie Lovelybooks, so könnte ich mich durch Millionen von Büchern klicken: Titel, Cover, Klappentext; Titel, Cover, Klappentext; Titel, Cover, Klappentext. Zwanzig oder dreißig, vielleicht sogar vierzig Bücher würde ich auf diese Weise schaffen, doch dann wäre meine Geduld am Ende. Und die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr hoch, dass ich auf diese Weise ein Buch finde, das mich interessiert. Auch in einem stationären Buchladen müsste ich viel Ausdauer mitbringen, wollte ich bei mehr als 1.000 unsortierten Büchern das eine finden, dass mich interessiert.

Auf der Suche nach der passenden Lektüre bieten Buchgenres eine erste Orientierung. Sie helfen mir, aus der Vielzahl der Bücher diejenigen herauszufiltern, die mich interessieren könnten. Denn im Laufe der Jahre ist mir klar geworden: Ich lese gerne Krimis, finde Reiseromane langweilig und mache um Horror einen großen Bogen. In Buchhandlungen, Webshops und Büchereien sind Bücher anhand der Genres vorsortiert und so kann ich auf den ersten Blick die Bücher ausschließen, bei denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sie mir nicht liegen. Hätte ich Zeit, viel Zeit, um nicht zu sagen, unendlich viel Zeit, dann wäre es vermutlich spannend, die Bücher aller Genres durchzusehen. Dann könnte ich auch in die Romane reinblättern, die mich sonst eigentlich nicht interessieren. Vielleicht würde ich ja den einen Reiseroman finden, der mir gefällt. Und natürlich wäre das ein interessantes Unterfangen. Aber mir fehlt schlicht die Zeit, um in der Unmenge an Reiseromanen den einen zu finden, den ich dann doch interessant finde. Das wäre die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Natürlich gebe ich auch einem Reiseroman eine Chance, wenn er mir persönlich empfohlen wurde. Doch meist stöbere ich bei der Suche nach neuer Lektüre lieber durch die Krimi-Neuerscheinungen. Denn da stehen die Chancen besser, dass ich in absehbarer Zeit ein Buch finde, das ich lesen möchte.

Buchgenres beschreiben den Inhalt eines Buches auf eine Weise, die mir als Leserin eine erste Idee gibt, was mich zwischen zwei Buchdeckeln erwartet. Schließlich kostet es mich Geld, das Buch zu kaufen, und Zeit, die ersten Seiten zu lesen. Gebe ich nach fünfzig Seiten genervt auf, dann habe ich Zeit und Geld verschwendet. Genau diesen Wunsch nach Orientierung nutzen Verlage und Autor*innen, um ihre Bücher zu bewerben als „spannendster Thriller des Jahres“ oder „skurrilster Reiseroman dieses Sommers“. So funktionieren Buchgenres nicht nur als Orientierung für potenzielle Leser*innen, sondern auch als Vermarktungsstrategie.

Literarische Romane

Um auf der Suche nach neuer Lektüre schneller fündig zu werden, helfen natürlich auch andere Unterscheidungskriterien: beispielsweise Bezeichnungen wie Jugendroman oder humorvoller Roman. Doch diese Kriterien kommen zum Genre noch hinzu: Die Bezeichnung Jugendroman bezieht sich auf das Alter der primären Zielgruppe und kann einen Science Fiction, einen Fantasy-Roman oder einen Liebesroman näher beschreiben.

Auf diese Weise kommen zum Buchgenre noch weitere Kriterien hinzu, die potenziellen Leser*innen als Orientierung dienen. Das gilt auch für die Bezeichnung „literarischer Roman“. Literarische Romane sind Kunst (mehr dazu in meinem Blogartikel Unterschied Literatur und Mainstream). Und Kunst heißt Regeln brechen. Anders sein. Individuell sein. Etwas Neues schaffen. Schubladen sind so ziemlich das Letzte, was die Autor*innen literarischer Romane für ihre Werke anstreben. Im Gegenteil, sie wollen aus dem Erwartbaren ausbrechen. Ihre Werke sollen nicht mit anderen vergleichbar sein. Da ist die Beschreibung „literarischer Roman“ Ritterschlag und Orientierung genug, damit dieses Buch seine Leser*innen findet. Kein Wunder, dass gerade die Autor*innen literarischer Werke Buchgenres ablehnen. Denn das würde ihre Romane vergleichbar machen und den Eindruck erwecken, dass sie Ähnlichkeit mit anderen Werken hätten. Damit würden ihre Romane weniger originell und einzigartig wirken.

Da der Anteil literarischen Bücher an der Gesamtmenge der veröffentlichten Bücher durchaus überschaubar ist, dient die Beschreibung „literarischer Roman“ einem ähnlichen Zweck wie die Buchgenres. Es beschreibt eine Teilmenge von Büchern auf eine Weise, die der Gruppe der potentiellen Leser*innen eine erste Orientierung bietet für die Kaufentscheidung.

Doch literarisches Schreiben und Buchgenre – das muss kein Widerspruch sein. Eine herausragende Schriftstellerin wie Fred Vargas zeigt, dass auch ein literarisches Werk durchaus einem Buchgenre zugeordnet werden kann. Vargas erreicht mit ihren Kriminalromanen international ein Millionenpublikum und hat schon eine Menge Preise abgeräumt – vielleicht gerade weil sie es schafft, sowohl Krimileser*innen als auch Leser*innen literarischer Werke anzusprechen.

Das Beispiel zeigt, dass auch literarische Werke anhand eines Buchgenres beschrieben werden können. Natürlich gibt es eine Menge literarischer Werke, die keinem Genre entsprechen. Schließlich liegt es im Wesen literarischer Werke, mit Herkömmlichem zu brechen. Doch viele literarische Romane brechen nur einige Regeln des Erzählens und bei weitem nicht alle. Wer mit allen Erwartungen an einen Roman bricht, hat kaum noch eine Chance, Leser*innen zu finden. Also ist die Kunst, einige Regeln zu brechen, aber nicht alle, so dass am Ende ein lesbares Werk entsteht. Und das Beispiel von Vargas zeigt, dass zu den Regeln, die Autor*innen brechen, nicht notwendigerweise die Zuordnung zu einem bestimmten Genre gehören muss. Vargas hat Romane geschrieben, die außergewöhnlich sind, skurril, herausragend, einzigartig – und dennoch als Kriminalromane beschrieben werden werden können. Die Vergleichbarkeit mit anderen Krimis nimmt Vargas Romanen nicht die Einzigartigkeit.

Alles kann, nichts muss

Für mich gibt es deshalb keinen Grund, Buchgenres mit Misstrauen zu begegnen. Sie helfen potenziellen Leser*innen bei der Suche nach einem Buch, das ihren Geschmack trifft. Sie können für die Vermarktung eines Buches gewinnbringend eingesetzt werden. Und sie stehen nicht im Widerspruch zu Originalität, Schaffensfreue und literarischem Schreiben.

Das heißt für unerfahrene Autor*innen: Buchgenres helfen bei der Vermarktung. Man kann sie bedienen, muss aber nicht. Übrigens meine ich in diesem Zusammenhang mit Vermarktung nicht nur, dass man Leser*innen findet. Sondern auch, dass man einen Verlag findet. Denn im deutschsprachigen Raum gibt es viele (große) Verlage, die ihre Bücher anhand der Genres vermarkten. Und sehr viel weniger (große) Verlage, die literarische Romane verlegen.

Allerdings entscheiden es nicht die Autor*innen, ob ihr Roman als „literarischer Roman“ eingestuft wird. Als Autor*in kann ich anstreben, ein literarisches Werk zu schaffen. Doch ob ein Buch als literarischer Roman gesehen wird, das entscheiden üblicherweise andere – eine Jury, ein Verlag, das Feuilleton.
Doch ob mein Roman ein typischer Krimi wird oder nicht – das entscheide ich selber. Und wenn mein Roman einem klassischen Genre zugeordnet werden kann, dann stehen die Chancen sehr viel besser, dass ich Leser*innen finde – egal, ob ich mein Manuskript Agenturen oder Verlagen anbiete oder ob ich selber herausbringe.

Dr. Anette Huesmann ist Autorin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Sprachwissenschaftlerin. Sie leitet Workshops zum Kreativen Schreiben, schreibt Bücher und berät (angehende) AutorInnen. Hier finden Sie die aktuellen Schreibkurse und hier erfahren Sie mehr über ihr Beratungsangebot.
  1. Kia Kahawa Antworten

    Als Autorin mehrerer Romane habe ich nur ein Problem, wenn ich mich auf EINE Genrebezeichnung festlegen soll. Was, wenn meine Geschichte gleichzeitig Liebesroman, Science Fiction und Thriller ist? Dann wird ihm die Kategorisierung in ein Genre nun mal nicht gerecht. Mit seiner Einzigartigkeit hat das gar nicht primär etwas zu tun – die ist sowieso gegeben ;-)

    • Die Schreibtrainerin Antworten

      Liebe Kia,

      das klingt nach einem Genre-Mix. Das sagt nichts über die Qualität des Buches aus, macht es nur schwerer, das Buch zu vermarkten.

      Viel Erfolg!
      Anette Huesmann

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