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Kreativitätstechniken

Die Texterin und Lektorin Julia Dombrowski und ich gehören einem tollen Netzwerk an, dem Texttreff. Das ist ein Zusammenschluss von Frauen, die in der Kommunikationsbranche arbeiten. Zu Weihnachten tauschen wir dort keine Geschenke, sondern Beiträge zu unseren Blogs. Und deshalb hat Julia mir einen wunderbaren Artikel für meinen Blog geschrieben.

Die Freiheit, nicht unendlich frei sein zu müssen

von Julia Dombrowski

Kreativitätstechniken sind wie Orientierungspunkte beim Tauchen: Sie helfen, sich nicht so verloren zu fühlen.

Kreativitätstechniken sind wie Orientierungspunkte beim Tauchen: Sie helfen, sich nicht so verloren zu fühlen.

Kreativ sein ist schön, macht aber auch viel Angst. Die Sorge, sich bei der unendlichen Vielfalt an kreativen Möglichkeiten, beim absoluten Überangebot an Denkbarem, für überhaupt nichts entscheiden zu können, ist hin und wieder ganz schön lähmend. Denn wenn alles geht, geht möglicherweise überhaupt nichts mehr!

Für mich ist Kreativsein an manchen Tagen wie Gerätetauchen: Normalerweise fühle ich mich wohl unter Wasser, bin happy und ganz mit mir im Reinen. Aber nur, solange ich einen Orientierungspunkt habe. Was mir wirklich Angst macht, sind Tauchplätze, an denen weder Riff noch Meeresboden zu sehen sind und auch die Wasseroberfläche außer Sichtweite geraten ist. Diese gefühlte Unendlichkeit, ohne jeden optischen Bezugspunkt, empfinden manche Tauchende als absolutes Freiheitsgefühl, sie können dieses Schweben in scheinbar grenzenlosen Weiten genießen. Auf mich trifft das überhaupt nicht zu, ich gerate an solchen Plätzen leicht in Panik und vermeide sie deshalb tunlichst. „Da ist oben, dort ist unten, da hinten bin ich gestartet, und dort drüben möchte ich ankommen“ – dieses Wissen um elementare Orientierungspunkte brauche ich in der Schwerelosigkeit, um ganz entspannt sein zu können.

So ähnlich verhält es sich für mich mit der Kreativität. Ganz sicher gibt es Kreative, für die jede Ideenfindungstechnik ein Unding ist: ein empörender Versuch, den freien Geist an eine lange Leine zu legen. Aber andere, denen es ergeht wie mir, suchen wie ich beim Jonglieren mit Ideen Bezugs- und Orientierungspunkte. Oft schaffe ich es erst so, in der überwältigenden Unendlichkeit des Möglichen einen Pfad für mich zu schlagen, auf dem ich mich wohl und nicht mehr verloren fühle. Erst dann kann ich mich austoben – mich frei fühlen. Ganz so wie unter Wasser.

ABC-Methode

Vielleicht ist es ein wenig paradox, dass mir besonders strenge Strukturen am besten dabei helfen können, den Kopf frei zu bekommen. Aber paradox oder nicht: Was funktioniert, ist willkommen. Auf der Suche nach einer Idee können mir, je nach Tagesform, vor allem auffallend stupide Vorgaben hervorragende Dienste leisten: Die ABC-Methode zum Beispiel verlangt, dass die erste zur Aufgabenstellung gehörende Idee mit einem A beginnt, die zweite mit einem B und so weiter. Klingt ziemlich uninspiriert? Ja, die Methode ist nicht sexy, das gebe ich gerne zu – aber sie kann ein Kickstarter sein, um Ideen ins Sprudeln zu bringen. Statt das Alphabet als Vorgabe zu benutzen, kann die Leitlinie auch lauten: Jede Idee muss mit einer Farbe zu tun haben, einen Bezug zu einem Beatles-Song haben, von den Schlagzeilen der Tageszeitung inspiriert sein … Aber Vorsicht: Die Suche nach besonders kreativen Vorgaben sollte nicht bereits alle kreative Energie absorbieren. Ehrlich wahr: Das dumme alte Alphabet, so unsexy es sich auch anhört, kann Blockaden schon ziemlich gut aus dem Weg räumen.

Visueller Reiz

Vergleichbar hilfreich erlebe ich es, einen Fundus an Bildern zu haben – willkürliche Schnipsel aus Magazinen und Zeitungen oder Datenbanken –, nach dem Zufallsprinzip eines der Fotos auszuwählen und mich zu zwingen, das Motiv in die Antwort auf meine ursprüngliche Fragestellung einzubeziehen. Das Bild funktioniert für mich beim Kreativsein ähnlich, wie es ein Riff unter Wasser als Bezugspunkt tut: Ich beginne, mich gedanklich frei und unbekümmert zu bewegen, weil ich die Sicherheit eines festen Orientierungspunktes habe. Und bei dieser Methode ist die Orientierung nicht einmal metaphorisch gemeint: Einen visuellen Reiz in die kreative Arbeit einzubeziehen, drückt noch einmal andere Knöpfe in meinem Denken, als es beispielsweise die ABC-Methode tut.

Kopfstandtechnik

Meine Lieblings-Technik, die ich immer wieder einsetze, ist aber die Kopfstandtechnik. Dankenswerterweise hat sie überhaupt nichts mit körperlicher Akrobatik zu tun. Nicht die denkende Person muss sich auf den Kopf stellen – die Fragestellung wird bei dieser Technik umgedreht, in ihr genaues Gegenteil verkehrt. Erstaunlicherweise fällt es mir oft deutlich leichter, das unnütze Gegenteil meiner Fragestellung zu beantworten, als die eigentlich Frage, die mich in Wirklichkeit auf Trab hält. Auf der Suche nach einem Einfall, der Spannung erzeugt, würde ich also beispielsweise fragen: „Was kann an dieser Stelle am meisten langweilen?“ Und mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit beginne ich eine Sammlung der langweiligsten Ideen, zu denen ich überhaupt fähig bin. Diese Technik hat gleich zwei Auswirkungen: Zum einen zieht die Beschäftigung mit einer unsinnigen Fragestellung eine Art Stopfen im Kopf. Wenn Ideen erst einmal fließen, dann fließen sie! Zum anderen habe ich mich beim „Kopfstand“ ja durchaus bereits thematisch in dem Bereich bewegt, in dem ich echte Lösungen suche. Manche meiner überaus langweiligen Ideen kann ich einfach erneut in ihr Gegenteil verkehren – vom Kopf sozusagen zurück auf die Füße stellen. Die meisten führen mich in Sackgassen. Doch eine oder manchmal zwei Perlen sind immer mal wieder dabei – dann erweist sich das Gegenteil von „absolut langweilig“ als tatsächlich „sehr spannend“.

Das Richtige für mich

Nicht jede Kreativitätstechnik ist für jede Person gleichermaßen geeignet. Ich zum Beispiel kann gar nichts mit dem Freewriting anfangen, auf das viele Kreative schwören, auch das Clustering hat mich noch nie zu echten Erfolgen geführt. Sich mit Kreativitätstechniken auseinanderzusetzen, herauszufinden, was für mich funktioniert und was nicht, habe ich aber immer als fruchtbar empfunden. Kreativitätstechniken sind mein Instrument, die Unendlichkeit überschaubar zu machen. Es tut mir gut, die Freiheit zu haben, nicht vollkommen frei sein zu müssen!


Der Artikel “Kreativitätstechniken” ist ein Gastbeitrag von Julia Dombrowski. Danke Julia!

Dr. Anette Huesmann ist Autorin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Sprachwissenschaftlerin. Sie leitet Workshops zum Kreativen Schreiben, schreibt Bücher und berät (angehende) AutorInnen. Hier finden Sie die aktuellen Schreibkurse und hier erfahren Sie mehr über ihr Beratungsangebot.
  1. Silke Niehues Antworten

    Guten Morgen Julia,
    während meiner Recherche über unterschiedliche Kreativtechniken bin ich unter anderem über Ihren Beitrag gestolpert, der mich wegen des Vergleiches zum Tauchen, was ich selber tue, sehr mag.
    Folgender Satz ist mir jedoch nicht klar: “(…) Die ABC-Methode zum Beispiel verlangt, dass die erste zur Aufgabenstellung gehörende Idee mit einem A beginnt, die zweite mit einem B und so weiter”; ABC-Methode, verstanden, doch was ist unter der “erste zur Aufgabenstellung gehörende Idee” zu verstehen? Die vollständige Roman- oder Textidee? Eine beliebige Aufgabe, die ich mir zum “warmwerden” stelle? Beschreibung der Figuren? Der Atmosphäre? Der Situation, in der ich ‘hänge’? Diese erste Aufgabenstellung ist offensichtlich ausschlaggebend, um den Kreativprozess zu beginnen – doch was genau ist dies?
    Ich freue mich sehr über Ihre Antwort, grüße herzlich und wünsche einen guten Start ins Wochenende
    Silke

    • Die Schreibtrainerin Antworten

      Liebe Silke,

      “die erste zur Aufgabenstellung gehörende Idee” meint, dass man sich vor Durchführung der Methode selber eine Aufgabe stellt. Die Aufgabe könnte lauten: “Eine neue Idee für einen Roman”, “Was passiert als Nächstes in meinem Plot”, “Warum hat die Figur ihre Tasse fallen lassen” usw. Das heißt, die Sache, für die ich eine Idee benötige, formuliere ich in einer Frage, als Satz oder Halbsatz. Und dann suche ich mit der ABC-Methode die unterschiedlichsten Antworten auf diese Frage. Und jede Antwort beginnt mit einem Buchstaben des ABC.

      Zum Beispiel: Warum hat die Figur ihre Tasse fallen lassen?

      Ameisen sind ihr Bein hochgekrabbelt
      Blütenblätter kamen von oben und haben sie erschreckt
      Christstollenkrümel sind ihr im Hals steckengeblieben
      usw.

      Und am Ende habe ich 26 Möglichkeiten, was in der Geschichte gerade passiert sein könnte und kann mir die beste/ungewöhnlichste/überraschendste auswählen.

      Viel Spaß beim Brainstormen :-)
      Anette Huesmann

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