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Spannende Romane schreiben – Teil II

Wie das richtige Tempo einen Roman zum Pageturner macht

(Teil 2 von 2)
Ein hohes Tempo macht einen Roman zum Pageturner.


Vor einigen Wochen habe ich auf meinem Blog „Die Schreibtrainerin“ einen Artikel zum Tempo veröffentlicht. Darin habe ich beschrieben, wie man temporeiche Romane im Stil von Dan Brown schreibt – und warum auch Romane mit sehr geruhsamem Tempo im Stil von Stieg Larsson ihr Publikum finden. Wer diesen Artikel nachlesen möchte, der findet ihn hier auf meinem Blog unter dem Titel „Spannende Romane schreiben – Teil I“. Mit dem jetzigen Artikel möchte ich noch mal an das Thema anknüpfen. Darin beschäftigt mich die Frage: Wie gestaltet man denn nun das Tempo? Ganz konkret, auf der sprachlichen Ebene?

Tempo ist nicht gleich Erzähltempo
Aber bevor ich in das Thema einsteige, möchte ich noch eines klarstellen: Ich meine hier mit Tempo nicht das sogenannte Erzähltempo. Denn in der Literaturwissenschaft gibt es den Begriff „Erzähltempo“ oder auch die „Erzählgeschwindigkeit“. Damit wird das Verhältnis von erzählter Zeit zu Erzählzeit beschrieben: Dauert es eine Minute, einen Text zu lesen, der den Ablauf einer Minute schildert, so sind Erzählzeit (ich lese eine Minute) und die erzählte Zeit (ich lese ein Ereignis, das eine Minute dauert) identisch – also zeitdeckend. Lese ich in einer Minute ein Ereignis, das ein Jahr in Anspruch nimmt, so ist das Erzähltempo zeitraffend: Die Erzählzeit ist deutlich kürzer als die erzählte Zeit. Ist es anders herum – ich lese eine Minute über ein Ereignis, das eine Sekunde in Anspruch nimmt – so ist das Erzähltempo zeitdehnend.
Doch mit dem Begriff „Tempo“, den ich hier verwende, meine ich etwas anderes. Dabei beziehe ich mich auf Albert Zuckerman, den Literaturagenten von Ken Follett. Er schreibt in seinem Buch „Bestseller“: „Tempo ist jenes Element eines Erfolgsromans, das im Normalfall mehr als jedes andere dafür sorgt, dass der Leser Seite um Seite verschlingt“. Um mehr über diese Art von Tempo zu erfahren, habe ich mir zwei Romane genauer angesehen: „Illuminati“ von Dan Brown und „Verblendung“ von Stieg Larsson. Die Bücher der beiden Autoren könnten unterschiedlicher nicht sein, was das Tempo betrifft. Während Dan Brown actionreiche Thriller schreibt und seine LeserInnen förmlich von Seite zu Seite hetzt, bleibt das Tempo in Stieg Larssons Kriminalromanen nahezu gemütlich.

Dialoge in temporeichen Romanen
Wie sich der Unterschied bemerkbar macht, möchte ich am Beispiel der Dialoge zeigen. Vergleicht man eine Seite Dialog von Dan Brown mit einer Seite Dialog von Stieg Larsson, so entsteht ein gegensätzlicher Eindruck: Bei Dan Brown wirken die Dialoge meist gehetzt, Spannung ist im Raum, kurze Satzfetzen werden ausgetauscht: Als Leserin spüre ich den Druck und die Anspannung.

„Das Dämonenloch!“ ächzte Langdon. Er war so in die Decke und die Pyramiden versunken gewesen, dass er es nicht gleich bemerkt hatte. Nervös näherte er sich dem Loch. Der von unten heraufdringende Gestank war überwältigend.
Vittoria legte eine Hand vor den Mund. „Che puzzo!“
„Effluvium“, erklärte Langdon. „Dämpfe aus vermodernden Gebeinen.“ Er hielt sich den Jackenärmel vor die Nase, während er sich über das Loch beugte und nach unten spähte. Schwärze. „Ich kann nichts erkennen.“
„Glauben Sie, dort unten ist jemand?“
„Woher soll ich das wissen?“
Vittoria deutete auf die gegenüberliegende Seite des Lochs, wo eine modrige Holzleiter in die Tiefe führte.
Langdon schüttelte den Kopf. „Ganz bestimmt nicht.“
„Vielleicht liegt draußen zwischen all dem Werkzeug eine Lampe.“ Vittoria klang, als suchte sie einen Grund, sich dem bestialischen Gestank zu entziehen. „Ich gehe nachsehen.“
„Seien Sie vorsichtig!“, warnte Langdon. „Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob dieser Assassine noch…“
Doch Vittoria marschierte bereits durch das Kirchenschiff.
Was für eine willensstarke Frau, dachte Langdon.

So wie auch in dieser Szene sind bei Dan Brown die meisten Dialoge handlungsgetrieben: Im Roman reiht sich ein Vorfall an den anderen und entsprechend finden die Dialoge meist inmitten sich überschlagender Ereignisse statt. Rede und Antwort sind entsprechend knapp und eine Geste und ein Satzfetzen reichen, um eine mögliche Lösung zu suchen, zu finden und abzulehnen:

Vittoria deutet auf die gegenüberliegende Seite des Lochs, wo eine modrige Holzleiter in die Tiefe führte.
Langdon schüttelte den Kopf. „Ganz bestimmt nicht.“

Anders dagegen bei Stieg Larsson: Seine Figuren nehmen sich viel Zeit für das Gespräch.

„Sie haben meine Intimsphäre verletzt. Mein Arbeitgeber braucht nicht zu wissen, mit wem ich Sex habe. Das ist meine Angelegenheit.“
Ein schiefes Grinsen zog sich quer durch Lisbeth Salanders Gesicht.
„Sie meinen, das hätte ich nicht erwähnen sollen.“
„In meinem Fall spielt das keine größere Rolle. Die halbe Stadt weiß über mein Verhältnis mit Erika Bescheid. Es geht ums Prinzip.“
„Wenn das so ist, dann amüsiert es Sie vielleicht zu erfahren, dass auch ich Prinzipien habe, die ihrem Ethik-Ausschuss entsprechen. Ich nenne das Salanders Prinzip. Ich finde, dass ein Schweinehund immer ein Schweinehund bleibt, und wenn ich einem Schweinehund schaden kann, indem ich ans Licht zerre, was er für Dreck am Stecken hat, dann hat er es halt verdient. Ich zahle es ihm nur heim.“
„Okay“, lächelte Mikael Blomkvist. „Ich argumentiere nicht völlig anders, aber…“
„Aber dazu kommt, dass ich bei so einer Untersuchung auch danach gehe, was ich selbst von dem Menschen denke. Ich bin nicht neutral. Wenn ich mir einen Schweinehund vorgenommen habe, dann strenge ich mich extra an. Wenn es ein guter Mensch zu sein scheint, dann kann ich in meinem Bericht alles ein bisschen herunterspielen.“
„Wirklich?“

Obwohl die beiden Protagonisten einen Konflikt austragen, argumentieren sie ganz geruhsam. Wie in dieser Passage so spielen auch in anderen Szenen Recherchen eine große Rolle: Die Hauptfiguren sind über Wochen damit beschäftigt, Informationen im Internet, in Büchern und anhand von Bildern zu sammeln. Entsprechend dienen viele Dialoge dem Informationsaustausch. Probleme müssen nicht hier und sofort gelöst werden, sondern sind auf lange Sicht angelegt.

Das individuelle Tempo
Das Tempo eines Romans wird geprägt von den Erwartungen, die mit dem Text aufgebaut werden: Wir möchten wissen, was als Nächstes passiert. Die Erwartungshaltung, die „Illuminati“ aufbaut, ist subjektiv höher als die Erwartungshaltung, die von Stieg Larssons „Verblendung“ ausgeht. Bei „Illuminati“ ist die Spannung auf viele kleine Ereignisse verteilt: Es taucht ein unmittelbares Problem auf, das gelöst werden will. Die Erwartung liegt auf der Hand: Gelingt es oder gelingt es nicht? Die Antwort auf diese Frage und damit die Befriedigung der Erwartung wird auf der nächsten Seite oder zumindest auf der übernächsten erwartet. Bei Larsson hingegen ist die Erwartungshaltung nicht auf schnelle Antworten ausgelegt und die Lösung für einige wenige, große Probleme zieht sich über hunderte von Seiten.
Die subjektive Erwartungshaltung, die ein Text aufbaut, wird von unterschiedlichen Faktoren gespeist. So vor allem von den Konflikten und Veränderungen, die den Handlungsstrang vorantreiben. Das habe ich in meinem Artikel „Spannende Romane schreiben – Teil I“ genauer erläutert. Doch das Tempo wird auch von der Sprache beeinflusst – von Wörtern, Formulierungen und auch dem Satzbau. Das zeigen die folgenden Beispiele:

„Guidos Tage verliefen eintönig und es waren bereits etliche Wochen vergangen, als ihm eine Idee kam. In den folgenden Monaten dachte er ab und zu darüber nach, ob er es vielleicht doch noch schaffen könnte, im nächsten halben Jahr sein Ziel zu erreichen.“

Im Vergleich dazu schlägt die folgende Passage ein höheres Tempo an:

„Guido suchte mehrere Wochen fieberhaft nach einer Lösung, bis er endlich eine Idee hatte. Er tüftelte noch einige Monate, dann war er ganz sicher: In spätestens einem halben Jahr würde er am Ziel sein.“

Der Inhalt der beiden Passagen ist fast identisch. Doch während das erste Beispiel eher gemächlich daherkommt, gibt der zweite Text ein hohes Tempo vor. Der Eindruck entsteht durch die unterschiedlichen Formulierungen. Im zweiten Beispiel wird schnell klar, dass hier auf ein bestimmtes Ziel hingearbeitet wird: „Guido suchte fieberhaft“, „bis er endlich“, „tüftelte“ und „in spätestens“. Das weckt eine gewisse Erwartung und so mancher Leser wird wissen wollen, worum es sich handelt. Anders dagegen beim ersten Beispiel: „Guidos Tage verliefen eintönig“, „dachte ab und zu darüber nach“ und „vielleicht“. Auch das weckt Neugier, doch da die Figur ein eher mäßiges Interesse entwickelt, baut sich auch bei uns keine sehr große Erwartungshaltung auf.

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Von der Idee zum Roman

Tempo auf allen Ebenen
Es lohnt sich in jedem Fall, alle Ebenen der Geschichte im Blick zu behalten, um am Ende den Eindruck zu erreichen, den man anstrebt. Dazu gehören vor allem das Zusammenspiel von Plot und Szenenaufbau, wie in meinem Artikel “Spannende Romane schreiben – Teil I” beschrieben, aber auch der Schreibstil und die Dialoge, wie in diesem Artikel hier geschildert. Wer actionreiche Romane im Stil von Dan Brown schreiben möchte, sollte die Geschichte durchgängig temporeich gestalten und auch sprachlich ein hohes Tempo vorlegen. Wer sich mit der Geschichte viel Zeit lassen möchte wie Stieg Larsson, muss auf einen guten Spannungsbogen achten, sonst sind die LeserInnen schnell gelangweilt.

Die Zitate stammen aus:
Albert Zuckerman: Bestseller. Der Agent von Ken Follett über die Kunst und das Handwerk, einen Bestseller zu schreiben. Bastei Lübbe Taschenbuch, 1. Auflage Juni 2000, Seite 239.
Dan Brown: Illuminati. Bastei Lübbe Taschenbuch, 2003, Seite 342 und folgende.
Stieg Larsson: Verblendung. Wilhelm Heyne Verlag, 2007, Seite 406.

Spannende Romane schreiben – Teil I
Spannende Romane schreiben – Teil II

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