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Szenenwechsel

Wie man den Übergang von einer Szene zur anderen bewusst gestaltet und für die Dramaturgie eines Romans nutzt.

Szenenwechsel - wie man Übergängen zwischen den Szenen bewusst gestaltetÜber die dramaturgische Bearbeitung der Szenen eines Romans ist schon viel geschrieben worden. Vernachlässigt wird dabei oft der Szenenwechsel, der Übergang von einer Szene zur anderen. Doch auch dieser ist ein wichtiges dramaturgisches Element: Das Erzählte bricht an einer Stelle ab und wird an einer anderen Stelle wieder aufgenommen. Als Autorin kann ich diesen Übergang bewusst gestalten und für die Dramaturgie meiner Geschichte nutzen.

Ein Blick in die Historie
Der Begriff „Szene“ geht auf das altgriechische Theater zurück und Aristoteles beschäftigte sich als einer der ersten damit, was eine Szene eigentlich ausmacht. Seine Überlegungen wurden von anderen Dramentheoretikern aufgegriffen und seit dem 16. Jahrhundert wird eine Szene anhand der drei aristotelischen Einheiten beschrieben: Eine Szene in einem Theaterstück ist gekennzeichnet durch die Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Das bedeutet im Umkehrschluss: Ändert sich Zeit, Ort oder Handlung, so beginnt eine neue Szene.

In späteren Dramentheorien wurde diese enge Definition aufgebrochen und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht: Eine Szene besteht aus einer Reihe von Handlungen, die kontinuierlich zusammenhängen. Bis heute hat sich der Begriff „Szene“ als Erzähleinheit eines Theaterstücks, eines Films oder eines Buchs gehalten.

BuchautorInnen nutzen das Ende einer Szene und den Anfang einer neuen Szene meist für einen Wechsel der Erzählsituation. Ein Szenenwechsel bringt oft eine oder auch mehrere Veränderungen:

  • Zeitsprünge
  • einen Wechsel des Schauplatzes
  • einen Wechsel des Figurenensembles
  • einen anderen Handlungsstrang
  • einen Wechsel der Erzählperspektive

 
Üblicherweise sind Romane so formatiert, dass eine Leerzeile den Szenenwechsel anzeigt. Für mich als Leserin ist die Leerzeile meist das Signal: Nun geht es an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit und/oder mit anderen Figuren weiter. Wie sehr ich als Leserin das gewohnt bin, merke ich immer dann, wenn eine Leerzeile einen Szenenwechsel ankündigt – und dann geht es doch an derselben Stelle weiter wie zuvor. Diesen Überraschungseffekt kann man bewusst einsetzen und einen wichtigen Moment in der Geschichte hervorheben. Aber das funktioniert nur wenige Male, dann hat sich der Effekt abgenutzt.

Harte Schnitte
Nicht nur die Szene will gestaltet werden, sondern auch der Wechsel von einer Szene zur anderen. In Romanen sind häufig harte Schnitte zu finden: Eine Szene endet unvermittelt, dann folgt eine Leerzeile und im Anschluss daran die nächste Szene, die neue Protagonisten und/oder einen neuen Schauplatz bringt und/oder aus einer anderen Perspektive erzählt wird. Der große Vorteil bei einem harten Schnitt: Als Autorin muss ich nicht erklären, wie jemand von einem Ort zum anderen kommt oder was in der nicht erzählten Zeit passiert. Auf diese Weise kann ein Szenenwechsel meine Geschichte vorantreiben, denn ohne zusätzliche Worte setzt sich die Handlung an einer anderen Stelle fort.

Doch zuvor muss ich entscheiden: An welcher Stelle bricht die vorhergehende Szene ab? Und an welcher Stelle fängt die neue Szene an? Dabei sollte ich als Autorin nicht vergessen: Szenenwechsel sind oft Momente, in denen LeserInnen einen Roman aus der Hand legen. Kaum jemand liest ein Buch von Anfang bis Ende ohne Absetzen. Eine Leerzeile signalisiert: Hier geht eine Erzähleinheit zu Ende, also ein guter Moment, das Buch bis zum nächsten Tag auf den Nachttisch zu legen. Deshalb sollte am Ende einer Szene etwas Wesentliches stehen, damit die Chance steigt, dass LeserInnen den Roman später wieder zur Hand nehmen. Auch die nächste Szene sollte mit etwas Prägnantem beginnen. Denn vielleicht kam jemand mehrere Tage nicht zum Weiterlesen und ein guter Szeneneinstieg zieht die LeserInnen schnell wieder in die Geschichte hinein.

Der Cliffhanger
Eine Szene sollte nicht in einem farblosen Geplänkel versickern, denn dann habe ich meinen LeserInnen wenig Anreiz gegeben, meine Geschichte zu Ende zu lesen. Ein guter Moment für einen Szenenausstieg und einen Szeneneinstieg sind beispielsweise wichtige Ereignisse, Wendungen oder Dialoge. Dann wollen die LeserInnen wissen, wie die Geschichte weitergeht. Auf diese urmenschliche Neugier zielt der Klassiker der Spannungsliteratur ab: der sogenannte Cliffhanger, deutsch: Klippenhänger. Laut Wikipedia geht der Begriff zurück auf den Roman „A Pair of Blue Eyes“ von Thomas Hardy. Die Geschichte erschien 1873 als monatliche Serie in einer Zeitschrift. In einer Szene kann sich der Protagonist Henry Knight in den Steilhängen am Bristol Channel nur noch an einem Büschel Gras festhalten, um nicht in den sicheren Tod zu stürzen – Fortsetzung folgt. Durch das dramatische Ende steigt natürlich die Chance, dass sich die LeserInnen auch einen Monat später noch an die Geschichte erinnern und interessiert die nächste Folge lesen.

Der Meister des Cliffhangers unter den Romanautoren ist Dan Brown. In seinem Thriller „Sakrileg“ enden zahlreiche Szenen auf diese Weise. Das ist einer der Gründe, warum der Roman so actionreich wirkt, uns mit hohem Tempo in die Geschichte hineinführt und dazu bringt, fast atemlos immer weiterlesen zu wollen. Doch ein prägnantes Ereignis am Szenenende ist nicht gleichbedeutend mit einem Cliffhanger. Viele RomanautorInnen beherrschen die leisen Töne und ziehen uns mit subtilen Verwicklungen in ihre Geschichten hinein.

Beispiele für Szenenwechsel
Ein harter Schnitt ist nur eine von vielen Möglichkeiten, das Ende einer Szene zu gestalten. So lässt mich eine bestimmte Form des Szenenwechsels an Filme und an die Technik der Überblendung denken: Am Ende einer Szene verblassen die Bilder allmählich und werden überlagert von den Konturen der neuen Szene. Ein schönes Beispiel für eine Überblendung im Text ist der exemplarisch lektorierte Ausschnitt. Darin lassen Nachrichten, die im Hintergrund laufen, am Ende der Szene ein neues Bild im Kopf der LeserInnen entstehen – und dieses führt uns direkt in die zurückliegenden Geschehnisse, die Anlass der Meldung waren. Ein zeitlicher Rückgriff also, bei dem sich auch der Schauplatz und die Protagonisten ändern.

Eine weitere Möglichkeit, einen Szenenwechsel bewusst zu gestalten, ist das Anknüpfen an ein Detail der vorhergehenden Szene. Bekommt beispielsweise in einer Szene ein Kind seinen ersten Computer geschenkt, so könnte der inzwischen erwachsene Mensch in der nächsten Szene den Computer von damals im Keller entdecken. Oder vielleicht gibt es eine andere Konstante, die zwei Szenen miteinander verbindet – wie in diesem Beispiel aus meinem Manuskript „Sonnentanz“:

(…)
Stein fröstelte. Die Szenerie ließ an eine rituelle Bestattung der Jungsteinzeit denken. Die Kultgegenstände lagen im Halbkreis um die Schuhe, exakt nach Westen ausgerichtet. Merkwürdig war nur das Armband. Die Archäologin beendete das Gespräch und warf einen bedauernden Blick nach oben. Die Sonnenstrahlen hatten inzwischen den westlichen Palisadenring erreicht und verloren sich in den dahinterliegenden Baumkronen.

Gelbe Sonnenflecken tanzten über die weiß verputzte Wand. Der kleine Besprechungsraum war überfüllt, mehrere Kriminalbeamte lehnten an den Wänden, die Gesichter angespannt, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben.
(…)

Der Szenenwechsel bringt eine neue Erzählperspektive, spielt zu einer anderen Uhrzeit, an einem anderen Ort mit anderen Protagonisten. Doch eines ist gleich geblieben: die Sonne, die wie ein Widerhall der vorhergehenden Szene in der nachfolgenden wieder auftaucht. Auch andere Elemente können als Widerhall eingesetzt werden, beispielsweise Dialoge: Eine Szene endet mit dem Dialog zweier Protagonisten über ein bestimmtes Thema – und in der folgenden Szene sprechen zwei andere über dasselbe Thema.

Der Spannungsbogen
Eine weitere Möglichkeit ist die unmittelbare Fortführung der Handlung zu einem späteren Zeitpunkt. Trifft beispielsweise am Ende einer Szene ein Mensch eine Entscheidung, dann könnte er in der nächsten Szene schon damit beschäftigt sein, die Entscheidung umzusetzen. Auf diese Weise habe ich inhaltlich einen unmittelbaren Anschluss von einer Szene zur anderen, muss aber nicht jeden einzelnen Schritt schildern, wie es zur Umsetzung des Entschlusses gekommen ist.

Auch könnte sich am Ende einer Szene schon der nächste Konflikt ankündigen –und in der folgenden Szene weiter zuspitzen. Natürlich muss die Fortführung eines solchen Elements nicht im direkten Anschluss erfolgen, denn oft wechselt der Handlungsstrang zwischen den Szenen. Dann endet beispielsweise eine Szene mit der Hauptfigur, bei der sich gerade der nächste Konflikt anbahnt. Die nächste Szene greift den Nebenhandlungsstrang auf und erst im Anschluss folgt eine weitere Szene mit der Hauptfigur, die nun mit dem Konflikt konfrontiert ist. Endet jedoch eine Szene mit einer neuen Wendung, so sollte man in einer späteren Szene den losen Faden auf jeden Fall wieder aufnehmen.

So gibt es viele Möglichkeiten, einen Szenenwechsel bewusst zu gestalten. Es lohnt sich, nicht nur den Höhepunkt einer Szene zu inszenieren, sondern auch deren Anfang und Ende. Auf diese Weise ergibt sich innerhalb jeder einzelnen Szene ein Spannungsbogen, der von einem akzentuierten Einstieg über den Höhepunkt bis zum effektvollen Ausstieg verläuft.

Mein Artikel „Szenenwechsel“ war in der Zeitschrift Federwelt 5/2014 zu lesen.

Dr. Anette Huesmann ist Autorin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Sprachwissenschaftlerin. Sie leitet Workshops zum Kreativen Schreiben, schreibt Bücher und berät (angehende) AutorInnen. Hier finden Sie die aktuellen Schreibkurse und hier erfahren Sie mehr über ihr Beratungsangebot.
  1. Gabriela S. Antworten

    Sehr interessanter und flüssig durchzulesender Artikel! Ich werde daran denken, wenn ich mein Buch anfange.

    Harte Szenenwechsel mit Cliffhanger nerven mich bei manchen bekannten Autoren sehr. Da kommt an fast jedem Szenenende ein „großer Schocker“. Geht mir beim Fitzek oft so. Oder bei einem anderen Autor kommt auch oft ein Cliffhanger und am nächsten Tag wacht der Protagonist im Bett auf und erzählt nebenbei wie es ausging.

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