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Christopher Vogler: Wie man gute Geschichten findet

In diesem Herbst war Christopher Vogler der Einladung von eQuinoxe Europe nach Deutschland gefolgt. Der international bekannte Berater von Filmproduktionsfirmen, Drehbuchautoren und Fernsehsendern sprach in der Master Class über die Heldenreise – das Konzept, das er aus der Mythenforschung auf den Film übertrug. Soweit nichts Neues. Doch Vogler sprach auch über Chakren – und wie sie uns den Weg weisen zu richtig guten Geschichten.

Master Class in Stuttgart mit Christopher Vogler, der uns zeigt, wie man richtig gute Geschichten findet.

Anfang Oktober besuchte ich die Master Class von eQuinoxe Europe in Stuttgart. In diesem Jahr hatten sie als Leiter Christopher Vogler aus Los Angeles gewonnen. Vogler war einer der ersten, der das Konzept der Heldenreise aus der Mythenforschung auf Drehbücher übertrug. Ich habe mich sehr über die Möglichkeit gefreut, von einem Mann zu lernen, der die Entwicklung Hollywoods so entscheidend prägte. Mehr als 20.000 Drehbücher las Vogler im Laufe seiner Tätigkeit als Stoffentwickler für Produktionsfirmen wie Twentieth Century Fox und Disney Company. Er spürte Drehbücher auf, die es wert waren, sich intensiver mit ihnen zu beschäftigen. „Wenn wir am Ende einer Sitzung die Entscheidung fällten, welches Drehbuch Fox kaufen wird, haben wir einen Menschen zum Millionär gemacht“, erzählte Vogler.

Die Heldenreise
Thema der Master Class war natürlich die Heldenreise. Obwohl ich schon seit Jahren mit der Heldenreise arbeite, habe ich in diesem Workshop noch vieles dazu gelernt. Doch der Workshop brachte mir ganz unerwartet weitere Erkenntnisse. Gleich zu Beginn kam Vogler auf Chakren zu sprechen. Ich war zunächst ziemlich verblüfft und viele um mich herum ebenfalls, wie den geflüsterten Kommentaren und überraschten Blicken zu entnehmen war. Vogler erklärte, wo die Energiezentren im Körper angesiedelt sind und welche Bedeutung sie haben. Und dann erzählte er uns, warum Chakren wichtig für ihn sind bei der Beurteilung von Drehbüchern.

Die MFG Filmförderung Baden-Wüttemberg unterstützte den Workshop mit Christopher Vogler

Im Literaturhaus in Stuttgart fand die Master Class mit Christopher Vogler statt.

Gute Geschichten finden
„Während meiner Zeit bei Fox saß ich in diesen Meetings“, erzählte Vogler. „Lauter hochkarätige Manager und Analysten um mich herum. Wir sprachen über Drehbücher, die Fox angeboten bekommen hat. Alle um mich herum argumentierten mit Zahlen: Wie groß die Zielgruppe sei, welche Altersgruppen man mit dem Film ansprechen könne und Ähnliches.“ Laut Vogler war er der einzige, der nicht über Zahlen und Statistiken sprach. Er argumentierte mit Emotionen: Welche Gefühle das Drehbuch in ihm ausgelöst hatte. Dabei verließ er sich auf die Signale seines Körpers: Er beobachtete, wo und wie sein Körper darauf reagierte. Die Chakren halfen ihm, diese Gefühle zu analysieren und zu interpretieren.

Unser Körper kennt die Wahrheit
Je länger ich ihm zuhörte, desto faszinierter war ich. Vogler nutzt seinen Körper als Gradmesser für die Gefühle, die ein Drehbuch bei ihm auslöst. Natürlich merken wir alle, wenn uns eine Geschichte zu Tränen rührt. Aber ich habe diese Signale meines Körpers nie bewusst eingesetzt. Dabei es ist verdammt schwer, die Qualität einer Geschichte zu beurteilen. Schlechte Geschichten von guten zu unterscheiden, ist nicht das Problem. Doch mittelmäßige Geschichten von richtig guten zu trennen, wird schon deutlich schwieriger. Unser Verstand ist oft voreingenommen – weil wir den Autor schätzen oder das Thema uns anspricht. Doch unser Körper reagiert auf uralte Muster und evolutionäre Prägungen. Mindestens zwei Organe oberhalb des Nabelchakras müssen laut Vogler reagieren, dann ist eine Geschichte richtig gut.

Christopher Vogler erläuterte uns die Heldenreise

Christopher Vogler erläuterte uns die Grundlagen guter Geschichten.

Berührende Geschichten
Nach dem Workshop wollte ich es noch genauer wissen und stellte eine kurze Recherche an. Unser Verstand mag zu einem gewissen Teil voreingenommen sein, doch unser Körper ist es nicht. Denn dieser reagiert schneller als unser Gehirn, das zeigte der Neurowissenschaftler Joseph LeDoux (Das Netz der Gefühle: Wie Emotionen entstehen. dtv, 2001). LeDoux konnte nachweisen, dass die Signale der Emotionen an unserem Großhirn vorbeigelotst und direkt an unseren Körper gesendet werden – weil es manchmal eben schnell gehen muss. Auf diese Weise ist unser Körper ein feiner Gradmesser für tief verwurzelte Gefühle. Eine ganze Reihe von Körperfunktionen weist uns den Weg wie der Herzschlag, der Hautwiderstand oder der Muskeltonus. Achten wir auf unseren Körper, so können wir sicher sein, dass eine Geschichte, die uns berührt, auch viele andere Menschen berühren wird.

Mehr über Christopher Vogler, sein berühmtes Buch und die Heldenreise gibt es hier zu lesen: die Entstehungsgeschichte der Heldenreise.

Dr. Anette Huesmann ist Autorin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Sprachwissenschaftlerin. Sie leitet Workshops zum Kreativen Schreiben, schreibt Bücher und berät (angehende) AutorInnen. Hier finden Sie die aktuellen Schreibkurse und hier erfahren Sie mehr über ihr Beratungsangebot.
  1. Manfred Heppner Antworten

    Ich erinnere mich an eine Szene aus Ken Follett´s „Die Säulen der Erde“. Der Protagonist legt darin sein Neugeborenes auf das Grab seiner verstorbenen Mutter. Er weiß in seiner Verzweiflung nicht, wie er den Säugling durchbringen könnte und überlässt ihn seinem Schicksal. Diese Szene hatte mich innerlich sehr aufgewühlt. Ich dachte entsetzt: „Das kann er doch nicht machen! Da muss es doch einen anderen Weg geben.“

    Wahrscheinlich hat Herr Vogler mit seinem Beispiel von den Energiezentren (Chakren) gemeint: Wenn ein Buch Gefühle auszulösen vermag, spricht es den Leser an. Es ist also ein interessantes Buch.

    • Die Schreibtrainerin Antworten

      Ja genau. Denn das ist das Wichtigste, was ein Buch leisten muss: Es muss bei den LeserInnen Gefühle auslösen. Egal welche, egal ob positive oder negative. Das Schlimmste, was einem Buch passieren kann, ist nicht, dass eine Leserin es wütend gegen die Wand wirft. Das Schlimmste, was einem Buch passieren kann, ist, dass eine Leserin es nach 50 Seiten gelangweilt aus der Hand legt und noch im selben Moment vergisst, was sie gelesen ist.

  2. Silke Antworten

    Danke, liebe Anette, für deine Antwort. Das passt zu meinem Weltbild. Interessant, was Christoph Vogler draus macht.

  3. Silke Antworten

    Ich kenne Bauchgefühl. Und ich kenne Kribbeln in der Gegend um den Solar-Plexus, wenn ich etwas ganz arg interessant finde. Manchmal gibt es auch Tränen der Rührung. Meint Vogler solche Reaktionen? Aber was genau kann ich mir denn darunter vorstellen, wenn von Organen, die reagieren müssen, die Rede ist? Denn was mein Bauchspeicheldrüse macht, kriege ich nicht so richtig mit. Aber die hat dazu ja auch vielleicht nicht ganz so viel beizutragen, oder liege ich da falsch? ;)

    • Die Schreibtrainerin Antworten

      Ja, von solchen Gefühlen sprach Vogler: Tränen der Rührung, wenn man einen Kloß im Hals spürt, wenn man Gänsehaut bekommt, wenn das Herz schneller schlägt, wenn es einem kalt den Rücken runterläuft und Ähnliches. Es sind sehr unterschiedliche Organe wie unsere Haut oder das Herz, die uns zeigen, wie sehr wir von der Geschichte mitgenommen werden.

  4. Heide-Marie Lauterer Antworten

    Ist im Grunde ganz einfach, wir müssen nur mal unseren Kopf ausschalten und schon wissen wir, wo’s lang geht.

  5. Simone Antworten

    Spannend. Und nachvollziehbar.

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