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Fantasy und Phantastik

Was ist der Unterschied zwischen Fantasy und Phantastik?

In Nachschlagewerken und Magazinen, auf Internetseiten und Blogs finden sich die unterschiedlichsten Definitionen für die beiden Begriffe Fantasy und Phantastik. Selten stimmen zwei Definitionen überein, meist gehen die Meinungen weit auseinander, sowohl von Literaturwissenschaftler*innen und Expert*innen als auch von Autor*innen und Leser*innen:

  • Manche verwenden die beiden Begriffe synonym
  • Andere unterscheiden die beiden Begriffe sehr sorgfältig
  • Gelegentlich wird Fantasy als Subgenre von Phantastik gesehen
  • Gelegentlich wird Phantastik als Subgenre von Fantasy gesehen
  • Gelegentlich wird Phantastik als Überbegriff gesehen mit den Subgenres Fantasy, Science Fiction und Horror

 

Häufig finden sich wortreiche Erklärungen, warum beide Begriffe Synonyme sind oder warum sie gänzlich unterschieden werden sollten.

Fantasy und Phantastik als Synonyme

Gelegentlich werden die beiden Begriffe als Synonyme für das Buchgenre Fantasy bzw. Phantastik definiert. Diesem Genre werden Romane zugerechnet, in denen übernatürliche und magische Elemente eine große Rolle spielen. Die Welt bzw. die Figuren in der Geschichte sind bedroht und müssen darum kämpfen, dass sie selber und ihre Welt überleben können.

Fantasy und Phantastik als Gegensatz

Werden die beiden Begriffe unterschieden, dann wird der Unterschied meist in der Nähe zur Realität gesehen. Das heißt, Romane, die der Phantastik zugerechnet werden, beschreiben eine Welt, die sich nur wenig von unserer Realität unterscheidet. Dagegen erzählen Romane, die dem Genre Fantasy zugerechnet werden, von einer vollkommen anderen Welt, in der Magie eine wichtige Rolle spielt. Dieser Gegensatz bringt noch weitere Unterschiede mit sich:
Phantastik
Die Welt, die in der Geschichte geschildert wird, scheint unsere reale Welt zu sein. Doch es finden sich fantastische Elemente darin. Diese fantastischen Elemente sind so geschildert, dass die Leser*innen verunsichert werden. Sie fragen sich, in welchem Bezeug die fantastischen Elemente zur realen Welt in der Geschichte stehen: Gibt es die fantastischen Elemente in der Welt der Geschichte wirklich? Oder werden die Figuren in der Geschichte getäuscht? Stecken Drogen dahinter? Oder bilden sich die Figuren das nur ein?
Für diesen Ansatz ist der sogenannte „Riss“ ein wesentlicher Teil der Definition. Der Begriff geht auf den französischen Literaturkritiker Roger Caillois zurück. In seiner Definition der Phantastik schrieb er sinngemäß: Im Phantastischen offenbart sich das Übernatürliche wie ein Riss im universellen Zusammenhang. Die fantastischen Elemente in der Geschichte gehen auf diesen Riss zurück, durch den diese Elemente in unsere Welt eindringen.
Bei dieser Betrachtungsweise wird der „Magische Realismus“ als typisches Subgenre der Phantastik gesehen. Ein typischer Roman für dieses Subgenre und damit auch für diese Definition der Phantastik ist „Die Wand“ von Marlen Haushofer. Darin wird eine Frau durch eine plötzlich vorhandene, unsichtbare Wand vom Rest der Welt abgeschnitten und ist künftig ganz auf sich allein gestellt.

Fantasy
Die in der Geschichte geschilderte Welt ist eine fantastische Welt, die sich von unserer realen Welt deutlich unterscheidet. Es gehören viele fantastische Elemente dazu wie fantastische Figuren, dunkle Mächte, magische Fähigkeiten und Ähnliches. Für die Figuren in der Geschichte ist diese Welt die reale Welt.
Bei diesem Ansatz werden zahlreiche Subgenres unterschieden, beispielsweise „High Fantasy“ und „Urban Fantasy“. Während Werke des Subgenres High Fantasy ähnlich wie Herr der Ringe ganz eigene Welten beschreiben, können Urban-Fantasy-Werke magische Welten mit unserer Realität verbinden, wie beispielsweise Harry Potter. Doch beide Welten bleiben meist getrennt und die Figuren wechseln von der einen in die andere Welt.

Fantasy und Märchen
Auch über die Begriffe Fantasy und Märchen wird oft diskutiert und die Frage gestellt, ob diese Synonyme sind oder zwei unterschiedliche Dinge bezeichnen. Beide Begriffe beziehen sich auf Geschichten mit unerklärlichen Vorgängen, fantastischen Gestalten und magischen Gegenständen und Fähigkeiten.
Der Begriff Märchen ist deutlich älter und bis heute üblich als Bezeichnung sehr alter Geschichten. Märchen in diesem Sinne wurden oft jahrhundertelang mündlich überliefert, bevor sie schriftlich festgehalten wurden. Zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Regionen kursierten oft zahlreiche Varianten eines Märchens, von denen vermutlich nur einige überliefert sind. Während Sagen und Legenden einen Bezug zur Realität haben, zum Beispiel durch Orte, den Zeitraum, existierende Personen oder angeblich existierende Personen, sind Märchen frei erfundene Geschichten. Oft gehören formelhafte Elemente zur Geschichte, beispielsweise als Einstieg „Es war einmal“.
Die Literaturwissenschaft unterscheidet zwischen Märchen und Kunstmärchen. Märchen sind alte Geschichten, die jahrhundertelang mündlich überliefert wurden und oft in verschiedenen Versionen kursierten. Die ursprünglichen Urheber*innen der Erzählungen sind nicht bekannt. Vermutlich haben sich die Geschichten im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert, das heißt, sehr viele unterschiedliche Menschen haben zum Inhalt der Geschichte beigetragen. Kunstmärchen dagegen können einem bestimmten Menschen zugeschrieben werden, die Autorin bzw. der Autor ist namentlich bekannt und es gibt nur eine Version dieser Geschichte.
Während der Begriff „Märchen“ als Bezeichnung für fantastische Geschichten bereits im 15. Jahrhundert gebräuchlich war, etablierte sich Fantasy erst in neuerer Zeit als Genre-Bezeichnung für Bücher und Filme. In diesem Sinne sind Märchen und Kunstmärchen die Vorläufer des Genres Fantasy. Fantasy ist die übliche Bezeichnung für neuere Werke und wird meist auch verwendet für die moderne Adaption von Märchen und Kunstmärchen.

Die Begriffe
Der Begriff Phantastik geht angeblich auf einen Übersetzungsfehler zurück: Die „Fantasiestücke in Callots Manier“, ein Sammelband einiger Werke von E.T.A. Hoffmann, erschienen 1814 – 1815 in Deutschland, wurden 1814 ins Französische übertragen und erhielten den Titel „Contes fantastiques“ statt „Contes de la fantaisie“, was mehr dem deutschen Titel entsprochen hätte.
Die Wörter Phantasie und phantasieren im Sinne von Einbildungskraft bzw. einbilden und Ähnliches sind ebenfalls seit dem Mittelalter bekannt. Doch erst seit dem 20. Jahrhundert ist der Begriff Fantasy gebräuchlich als Genre-Bezeichnung für Bücher und Filme.


Mehr über Buchgenres ist nachzulesen in meinem Buch: Buchgenres kompakt – Handbuch für Genres von Actionthriller bis Zeitgeschehen.

Dr. Anette Huesmann ist Autorin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Sprachwissenschaftlerin. Sie leitet Workshops zum Kreativen Schreiben, schreibt Bücher und berät (angehende) AutorInnen. Hier finden Sie die aktuellen Schreibkurse und hier erfahren Sie mehr über ihr Beratungsangebot.

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