Die Schreibtrainerin - Logo

Die Schneeflockenmethode: von der Idee zum Roman

Die Schneeflockenmethode ist eine sehr einfache und strukturierte Vorgehensweise, um aus einer Idee einen ganzen Roman zu entwickeln. Vor Jahren habe ich die Methode genau im richtigen Moment entdeckt, denn ich hatte mich in den Wirren meines eigenen Plots verheddert.

Vor sieben Jahren hatte ich die Idee einen Krimi zu schreiben, in dem das verschollene Manuskript der Hildegard von Bingen eine entscheidende Rolle spielt. Begeistert habe ich Bücher über Hildegard von Bingen gelesen, mir das Kloster angesehen und das Binger Museum besucht. Danach begann ich einen Plot rund um das verschollene Buch zu entwickeln. Denn das Original des naturheilkundlichen Buchs der Ordensfrau mit dem Titel „Causae et Curae“ ist tatsächlich seit Jahrhunderten verschollen. In meinem Krimi taucht es im 21. Jahrhundert unvermittelt wieder auf und löst eine Welle von Intrigen, Lügen und Morden aus. Soweit die Planung.

Als ich meine Recherchen abgeschlossen hatte, begann ich zu schreiben. Die ersten 80 Seiten tippte ich ganz locker in den Computer. Doch dann verlor ich die verschiedenen Stränge meines Plot nach und nach aus den Augen. Ich schrieb immer neue Exposees und versuchte alle Entwicklungen meiner Geschichte festzuhalten. Die Exposees wurden immer länger und unübersichtlicher. Am Ende saß ich ratlos vor meinem Computer und wusste auf Seite 85 nicht mehr, wie es eigentlich auf Seite 86 weitergehen sollte. Verzweifelt suchte ich eine Möglichkeit, die Erzählstränge meines Krimis in den Griff zu bekommen. Und ich fand die Schneeflockenmethode.

Die Schneeflockenmethode

Erfinder der Schneeflocken-Methode ist der US-amerikanische Physiker und Schriftsteller Randy Ingermanson. Mit seiner Methode hat Ingermanson eine Möglichkeit geschaffen, die Idee für einen Roman strukturiert zu Ende zu denken: Man fängt mit der Ausgangsidee an und entwickelt daraus in zehn Schritten den Rest der Geschichte.

1. Schritt: Der Kern der Geschichte in einem Satz
Das ist meist die schwierigste Aufgabe, da man schon zu Beginn die ganze Geschichte im Auge haben muss. Doch die Mühe lohnt sich. Steht der Satz erst einmal, bildet er den roten Faden für den kompletten Roman.

2. Schritt: Die wichtigsten Wendepunkte
Im nächsten Schritt legt man die wichtigsten Wendepunkte fest und formuliert seinen Plot in fünf Sätzen: Anfang der Geschichte (1. Satz), die 1. Katastrophe (2. Satz), die 2. Katastrophe (3. Satz), die 3. Katastrophe (4. Satz) und der Schluss. Die erste Katastrophe kann ein zufälliges Ereignis sein, doch alle weiteren Wendepunkte sollten sich logisch aus dem Beginn der Geschichte ergeben und aus dem Versuch der Hauptfigur, alles wieder in Ordnung zu bringen. Auf diese Weise entsteht eine knappe Zusammenfassung des Grundplots.

3. Schritt: Die Hauptfiguren
Nun ist es an der Zeit, in groben Zügen die Hauptfiguren zu entwerfen. Man schreibt aus Sicht der Figur die Storyline in einem Satz. Außerdem legt man das Ziel und das Motiv der Hauptfigur fest und überlegt sich, was die Figur daran hindert, ihr Ziel zu erreichen und was sie am Ende der Geschichte gelernt hat. Stellt sich nach diesem Entwicklungsschritt heraus, dass Wendepunkte und Hauptfiguren nicht mehr zusammenpassen, muss eines von beiden oder beides entsprechend geändert werden – bis Grundplot und Figuren gut aufeinander abgestimmt sind.

4. Schritt: Eine kurze Zusammenfassung
Jetzt sollte man auf einer Seite kurz zusammengefasst die Geschichte festhalten. Dazu werden die fünf Sätze aus Schritt 2 weiterentwickelt: Jeden einzelnen Satz baut man aus zu fünf Sätzen, die abgesehen vom Schluss immer in einer Katastrophe enden.

5. Schritt: Die Weiterentwicklung der Hauptfiguren
Im nächsten Schritt widmet man sich wieder den Figuren. Ingermanson empfiehlt, für jede Hauptfigur auf einer Seite die Geschichte aus der subjektiven Sicht der Figur zu schildern. Weitere wichtige Charaktere können je auf einer halben Seite beschrieben werden.

6. Schritt: Die lange Zusammenfassung
Nun sollte man die einseitige Zusammenfassung der Geschichte zu einer vierseitigen Beschreibung erweitern, indem man den Anfang, die drei Wendepunkte und den Schluss genauer schildert. Ergeben sich bei der Zusammenfassung neue Ideen und neue Wendungen, so kehrt man so oft zu den vorhergehenden Schritten zurück, bis alle Einzelteile der Geschichte zusammenpassen und vollständig sind.

7. Schritt: Die Charaktere
Der darauffolgende Schritt widmet sich erneut den Figuren. Die Hauptfiguren sollten immer weiter ausgearbeitet werden. Dafür bekommen sie eine eigene Biografie, eine äußere Erscheinung, einen individuellen Charakter und ein soziales Umfeld.

8. Schritt: Eine Liste der Szenen
Im nächsten Schritt ist eine Übersicht der Szenen dran: Ausgehend von der Zusammenfassung überlegt man sich jede einzelne Szene, um die Geschichte von Anfang bis Ende zu erzählen. Die Szenen hält man in einer Tabelle fest: Jede Szene steht in einer Zeile und umfasst mehrere Spalten. In den Spalten werden weitere Details der Szene beschrieben: Wo und zu welcher Tageszeit die Szene spielt, aus welcher Perspektive die Szene erzählt ist und was sich darin ereignet. Für einen Roman wird diese Liste je nach Länge etwa 100 Szenen umfassen.

9. Schritt: Szenen analysieren
Schritt Nr. 9 ist laut Ingermanson optional: Man nimmt sich jede einzelne Szene vor und schildert sie in einem kurzen Absatz. Am Ende sollte daraus eine etwa fünfzigseitige Zusammenfassung der Geschichte entstanden sein. Zu Beginn seiner Karriere als Autor hat Ingermanson diesen Zwischenschritt vollzogen, doch heute verzichtet er darauf.

10. Schritt: Schreiben und editieren
Der letzte Schritt ist zugleich das Beste an der Schneeflockenmethode: Ich setze mich hin und schreibe meine Geschichte nieder. Zu diesem Zeitpunkt sollte sie gut durchdacht und in sich stimmig sein. Der große Vorteil: Die Inhalte stehen bereits fest, ich muss mir an dieser Stelle keine Gedanken mehr um den Plot und die Figuren machen. Ich kann mich ganz dem kreativen Prozess des Schreibens widmen und der phantasievollen Ausgestaltung jeder einzelnen Szene.

Die Schneeflockenmethode ist Typsache

Die Schneeflockenmethode strukturiert den Entstehungsprozess einer Geschichte und gibt die einzelnen Zwischenschritte vor, um aus der Idee einen ersten Romanentwurf zu entwickeln. Dabei verliert man nie den Überblick und weiß beim Schreiben immer, was in der nächsten Szene geschieht. Plot und Figuren entwickelt man schrittweise. So können sie gut aufeinander abgestimmt werden – die beste Voraussetzung für eine spannende Geschichte.

Doch solch ein strukturiertes Vorgehen ist nicht jedermanns Sache. Die Schneeflockenmethode eignet sich vor allem für AutorInnen, die vor dem Schreiben plotten. Wer seine Geschichte erst beim Schreiben entwickelt, wird mit der Schneeflockenmethode nicht gut arbeiten können. Wie man am besten voran kommt ist vor allem Typsache – mehr dazu ist in meinem Beitrag „Plotten oder nicht plotten“ nachlesen. Es lohnt sich, die Schneeflockenmethode einfach mal auszuprobieren. Doch wer nicht gut damit arbeiten kann, sollte sich nicht lange damit abmühen und einen anderen Weg gehen.

Mein Hildegard-Krimi
Als ich die Schneeflockenmethode entdeckte, hatte ich das erste Drittel meines Krimis bereits geschrieben. Es hat ein paar Wochen gedauert, bis ich meine Geschichte mit der Schneeflockenmethode strukturiert hatte. Mir hat vor allem die Liste der Szenen geholfen, den Überblick zu bewahren. Ich wusste ab jetzt immer, welche Szenen ich schon geschrieben hatte, an welcher Szene ich gerade arbeitete und welche als nächste dran war. Das hat mir außerdem den schnellen Einstieg in die Geschichte erleichtert, wenn ich mehrere Wochen nicht zum Schreiben kam.
 
Der Plot: Die Glut des Bösen von Anette Huesmann  
Das Foto zeigt einen Ausschnitt der Tabelle für meinen Krimi um das verschollene Naturheilkundebuch der Hildegard von Bingen. Er ist im Jahr 2012 im Aufbau Verlag erschienen mit dem Titel „Die Glut des Bösen“.

Mehr über die Schneeflockenmethode
Auf der Internetseite von Randy Ingermanson gibt es weitere Informationen über die Schneeflockenmethode: www.advancedfictionwriting.com. Ingermanson hat außerdem Bücher dazu geschrieben und eine Software entwickelt.


In meinem Schreibkurs “Intensivkurs Plotten” stelle ich unter anderem die Schneeflockenmethode vor und zeige, wie man mit verschiedenen Dramenmodellen den Plot eines Romans in den Griff bekommt.

Dr. Anette Huesmann ist Autorin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Sprachwissenschaftlerin. Sie leitet Workshops zum Kreativen Schreiben, schreibt Bücher und berät (angehende) AutorInnen. Hier finden Sie die aktuellen Schreibkurse und hier erfahren Sie mehr über ihr Beratungsangebot.
  1. Erik Wolff

    Liebe Frau Dr. Huesmann,

    Schneeflocken? Genau, was ich gebraucht habe: Ein Vorgehensmodell.

    Idee? Check. Buch in einem Satz? Check. Spannungsbogen in drei Akten? Check. Figuren? Check. Ein Plan wie es weitergeht? Nö, aber Not, dem Chaos Strukturen zu geben. Das Vorgehensmodell erscheint mir plausibel und passt zu mir.

    Danke für das gut nachvollziehbare Vorgehen. Jetzt gehe ich strukturiert an den 2. Schritt. Mal sehen, wie sich das macht.

    Beste Grüße

    Erik Wolff

  2. Stefan Stettinger

    Danke Frau Dr. Huesmann für diesen tollen Beitrag!

    Durch Zufall bin ich auf diesen Bericht gestoßen. Ich habe schon seit langem eine gute Idee für eine Fantasy Buch. Mein Problem ist: ich komm nicht so recht voran. Alles was ich bräuchte: Eine gute Herangehensweise – eine Struktur. Und die haben sie mir geliefert. Ich bin ihnen wirklich außer ordentlich dankbar. Nun kann ich meinen Traum endlich erfüllen.

    Schönste Grüße,

    Stefan S.

  3. Hanno Ewers

    Sehr geehrte Frau Dr. Huesmann,

    seit einigen Tagen versuche ich, das von Ihnen auf Ihrem Blog niedergeschriebene in meinem Kopf zu einem großen Ganzen zu verbinden. Ich möchte ein Buch schreiben, weiß aber nicht einmal sicher, dass ich das Plotting (bevorzugt nach der Schneeflocke) überstehe bzw. umzusetzen in der Lage bin.

    Die Idee ist bisher auch nur wage, daher werde ich erst starten, wenn es etwas konkreter geworden ist. Z. Zt. entgleitet es mir immer wieder.

    Eine konkrete Frage möchte ich aber dennoch gerne stellen:
    Empfiehlt es sich, wirklich nur die Hauptfigur(en) zu entwerfen? Über einige der Nebendarsteller herrscht doch sicher vor dem Start noch gar keine Klarheit. Und wiederum andere kommen evtl erst im Laufe des Schreibprozesses hinzu.

    Ich bin also etwas verwirrt, was den Umfang der Figurenentwicklung vor dem tatsächlichen Start des Schreibprozesses angeht.

    Vielen Dank und viele Grüße

    Hanno Ewers

  4. Die Schreibtrainerin

    Hallo Herr Ewers,

    das hängt davon ab, wie Sie am besten arbeiten können. Wenn Ihnen die strukturierte Planung im Vorfeld liegt, dann können Sie ein Figurenensemble entwerfen. Zum Beispiel können Sie das als Soziogramm entwerfen: Jede Figur bekommt einen Kreis mit ihrem Namen und vielleicht ein paar Schlagworten – daraus ergibt sich ein Geflecht mit Bezügen der Figuren zueinander. Die konkrete Charakterisierung der Figuren kann sich noch beim Schreiben entwickeln, wichtiger ist die Frage, wie die Figur zu den anderen steht und welche Aufgabe sie in der Geschichte hat. Jede Figur sollte eine bestimmte Aufgabe erfüllen, sonst ist sie überflüssig.

    Viel Erfolg!
    Anette Huesmann

Beitrag kommentieren

*