Die Erzählperspektive

Erinnern Sie sich an die Märchenerzählerin auf dem Jahrmarkt? Verkleidet schlüpft sie in die Rolle einer Erzählerin und präsentiert eine Geschichte: Beim Sprechen wird ihre Stimme lauter und leiser, sie zischt, flüstert oder lacht, je nachdem, ob die Figuren in der Geschichte zischen, flüstern oder lachen.

Das Publikum hängt an den Lippen der Märchenerzählerin, achtet auf jede Regung und nimmt die Geschichte so wahr, wie sie von ihr vorgetragen wird. Eine Geschichte lebt davon, WIE sie präsentiert wird. Eine ähnliche Funktion hat die Erzählperspektive bei Romanen. Sie entscheidet darüber, WIE die Leser*innen eine Geschichte erleben. Rücken sie ganz dicht heran an eine Figur? Schlüpfen sie gar in ihre Haut? Oder folgen sie eher aus der Distanz dem Geschehen?

Die Erzählperspektive beeinflusst die Art, wie Leser*innen eine Geschichte präsentiert wird. Noch bevor Autor*innen den ersten Satz schreiben, müssen sie sich für eine der Perspektiven entscheiden:

  • neutrale Erzählperspektive
  • auktoriale Erzählperspektive
  • personale Erzählperspektive

Wenn Sie ein Buch schreiben möchten, dann ist eine Ihrer wichtigsten Entscheidungen: Aus welcher Erzählperspektive schildern Sie die Romanhandlung? Denn die Perspektive prägt den Eindruck, den eine Geschichte hinterlässt.

Die neutrale Erzählperspektive

Wähle ich die neutrale Erzählperspektive, dann präsentiere ich die Handlung und meine Figuren nur von außen. Das ist wie der Blick einer Kamera auf das Geschehen: Meine Leser*innen erleben, was die Figuren tun, was sie sagen und welche Emotionen ihre Gesichter zeigen. Nicht mehr. Sie erfahren nicht die Gedanken der Figuren und auch nicht die Gefühle, die sich nur im Inneren abspielen.

Eines der bekanntesten Beispiele für die neutrale Erzählperspektive ist „Der Malteser Falke“ von Dashiell Hammett:

„Da haben Sie sich ja einen reizenden Kumpan ausgesucht.“
„Nur einer von dieser Sorte hätte mir helfen können“, sagte sie einfach, „wenn er loyal gewesen wäre.“
„Ja, wenn!“ Spade klemmte seine Unterlippe zwischen Zeigefinger und Daumen und blickte sie düster an. Die senkrechten Falten über seiner Nase vertieften sich, zogen seine Augenbrauen zusammen. „Wie tief sitzen Sie nun eigentlich in der Tinte?“
„So tief“, antwortete sie, „wie es überhaupt geht.“
„In körperlicher Gefahr?“
„Ich bin keine Heldin. Ich glaube nicht, daß es etwas Schlimmeres gibt als den Tod.“
„So ist es also?“
„So gewiß, wie wir hier sitzen“ – ein Schaudern überlief sie – „wenn Sie mir nicht helfen.“
Er nahm die Finger vom Mund und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Ich bin schließlich nicht Christus“, sagte er gereizt. „Ich kann nicht aus dem Nichts Wunder wirken.“ Er warf einen Blick auf seine Uhr. „Der Tag vergeht, und Sie haben mir noch nichts gegeben, womit ich arbeiten kann. Wer hat Thursby umgebracht?“
Sie hielt sich ein zerknülltes Taschentuch vor den Mund und antwortete: „Ich weiß es nicht.“

Dashiell Hammett: Der Malteser Falke. Aus dem Amerikanischen von Peter Naujack. Diogenes 1974, Seite 44.

Bei der neutralen Erzählperspektive bleiben die Leser*innen auf Distanz und betrachten die Figur wie einen Käfer unter dem Vergrößerungsglas, ohne ins Innere schauen zu können.

Mit der neutralen Erzählperspektive fällt es schwerer, die Leser*innen in die Geschichte hineinzuziehen. Deshalb sind nur wenige belletristische Werke neutral erzählt. Dass man auch mit dieser Erzählperspektive eine spannende Geschichte erzählen kann, hat Hammett gezeigt. Doch gerade für Anfänger*innen ist die neutrale Erzählperspektive nicht zu empfehlen, da es viel Übung und Erfahrung braucht, um es gut zu machen.

Die auktoriale Erzählperspektive

Die auktoriale Erzählperspektive ist die typische Perspektive der großen Romane der vergangenen Jahrhunderte. Werke wie Jane Austen „Stolz und Vorurteil“ oder Thomas Mann „Buddenbrooks“ sind bekannt für ihre auktoriale Erzählweise.

Bei der auktorialen Erzählperspektive haben wir es mit einer Erzählperson zu tun, die alles präsentiert, oft auch allwissender Erzähler genannt. Die Erzählperson weiß alles, sieht alles und hört alles. Sie kann in die Zukunft schauen und in die Vergangenheit, sie kennt die Gedanken und Gefühle aller Figuren. Sie ist eine von den Autor*innen erfundene Instanz, nicht identisch mit dem Autor oder der Autorin. Die Erzählperson hat ihre eigene innere Haltung zum Geschehen, wertet und kommentiert die Handlung, gibt ihre Meinung wieder zu den Figuren und ihrem Tun. Auf diese Weise wird sie als erzählende Instanz erkennbar und spürbar.

Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden.

Patrick Süskind: Das Parfum. Diogenes 1994, Seite 5.

Die ersten beiden Sätze in Süskinds Roman zeigen, dass es sich um eine auktoriale Erzählperspektive handelt:

  • Die allwissende Erzählperson kommentiert das Geschehen: […] der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten […] gehörte.
  • Sie macht deutlich, dass sie nicht Teil des Geschehens ist: Seine Geschichte soll hier erzählt werden.
  • Die Erzählperson benennt die Figuren in der Geschichte in der 3. Person: Seine Geschichte […]
  • Sie kennt dieses Jahrhundert und auch alle Menschen, die in diesem Jahrhundert schon gelebt haben: dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche

Meist bleibt die allwissende Erzählperson im Hintergrund, doch aus ihrem Blickwinkel wird die gesamte Geschichte erzählt. Da sie außerhalb des Geschehens steht, ist die auktoriale Erzählperspektive oft sehr distanziert, anders als die personale Erzählperspektive (siehe unten). Die Geschichte rückt nicht sehr nah an die Leser*innen heran. Diese erhalten zwar Einblick in die Gedanken und Gefühle der Figuren, bleiben aber trotzdem auf Distanz.

Die Erzählperson kann Zusammenhänge schildern, die von den Figuren der Geschichte nicht gesehen werden. Sie kann gesellschaftliche und politische Analysen liefern und einen Überblick über die Handlung geben. Dadurch eignet sich die auktoriale Erzählperspektive für Geschichten, die Interpretationen oder Einsichten liefern: Aussagen über die Gesellschaft, über ein Jahrhundert, über die Verhältnisse der Menschen und vieles mehr. Gerade die großen Gesellschaftsromane der vergangenen Jahrhunderte sind auktorial erzählt.

Oft spricht die Erzählperson nicht von sich selber, sie bleibt unsichtbar, wird nicht genauer beschrieben. Sie ist einfach da, nur anhand der Kommentare und Wertungen ist die innere Haltung der Erzählperson greifbar. Nicht selten gibt es Passagen in den Romanen, in denen die Erzählperson hinter das Geschehen zurücktritt. So gewährt sie ihren Figuren den Vortritt, konzentriert sich ganz auf deren Erleben und Handeln. Weite Teile der Romane wirken wie personal erzählt, die Leser*innen erleben das Geschehen scheinbar aus der Perspektive der Hauptfigur. So beispielsweise in Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“: Große Teile der Handlung scheinen von Elizabeth Bennet erzählt zu werden, der Hauptfigur. Nur gelegentlich zeigt der ein oder andere Kommentar, dass nicht Elizabeth erzählt, sondern eine allwissende Erzählperson.

Selten stellt sich in der Geschichte die Erzählperson selber vor. Nur in manchen Romanen wird deutlich, wer die Geschichte erzählt. Dann erfahren die Leser*innen mehr über die erzählende Person. Beispielsweise in dem Roman „Die Bücherdiebin“:

Seine Uniform umfing ihn wie ein Leichentuch, während das graue Tageslicht sich in den Himmel drückte. Als ich mich weiter entfernte, war mir – wie bei so vielen anderen zuvor – , als ob sich die Welt noch einmal für einen kurzen in Schatten hüllte ein letzter Moment der Finsternis – die Erkenntnis, dass eine weitere Seele gegangen war.
Wisst ihr, ich sehe sie oft, wenn ein Mensch stirbt, diese Finsternis, trotz all der Farben, die das, was ich in der Welt wahrnehme, berühren und durchdringen.
Ich habe Millionen Finsternisse gesehen.
Ich habe sie schon so oft gesehen, dass ich mich nicht mehr an sie erinnern will.
[…]
Das letzte Mal, als ich sie sah, war es rot. Der Himmel war wie eine kochende, brodelnde Suppe. An einigen Stellen war er angebrannt. Schwarze Krumen und Pfefferkörner waren über die Röte verstreut.
Vor kurzem hatten Kinder hier Himmel und Hölle gespielt, hier auf der Straße, die wie ölverschmierte Buchseiten aussah. Als ich ankam, konnte ich immer noch das Echo hören. Die Füße, die auf der Straße aufsetzten. Die lachenden Kinderstimmen und die salzigen, lächelnden Gesichter, der Fäulnis ausgesetzt.
Dann Bomben.
Diesmal war alles zu spät.
Die Sirenen. Das einfältige Gekreische im Radio. Alles zu spät.
[…]
Ich sehe klar und deutlich vor mir.
Ich wollte gerade wieder gehen, da sah ich sie auf den Knien kauern.
Ein Gebirgszug aus Schutt war geplant, entworfen und um sie herum aufgerichtet worden. Sie hielt ein Buch umklammert.
[…]
Noch einmal bitte ich euch inständig, mir zu glauben.
Ich wollte innehalten. Ich wollte mich niederkauern.
Ich wollte sagen:
„Es tut mir leid, Kind.“
Aber das ist nicht erlaubt.
Ich kauerte nicht. Ich sprach nicht.
Stattdessen schaute ich ihr eine Weile zu. Als sie sich wieder rühren konnte,  folge ich ihr.

Sie ließ das Buch fallen.
Sie kniete nieder.
Die Bücherdiebin heulte auf.

Markus Zusak: Die Bücherdiebin. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst. Blanvalet 2008, Seite 18 ff.

Hier gibt sich der allwissende Erzähler als der Tod zu erkennen. Er erzählt in der Ich-Form und spricht die Leser*innen direkt an. Hauptfigur des Romans ist Liesel Meminger, die zu Beginn der Geschichte neun Jahre alt ist. In weiten Teilen des Romans wird ihre Geschichte erzählt. Oft zieht sich der allwissende Erzähler zurück und überlässt seiner Hauptfigur die Bühne. Dann ist er kaum spürbar und fast wirkt es, als seien diese Passagen personal erzählt aus Sicht der Hauptfigur. Doch ab und zu meldet sich der Tod als Erzählperson zurück und gibt seine Sicht der Geschehnisse wieder.

Ich-Erzählungen werden grammatikalisch als „1. Person (Singular)“ beschrieben und finden sich als Variante der auktorialen Erzählperspektive eher selten. Meist bleibt die allwissende Erzählperson unsichtbar und wird grammatikalisch als „3. Person (Singular)“ und damit als „sie/er“ interpretiert.

Bei der auktorialen Erzählperspektive, sowohl in der 3. als auch in der 1. Person, inszeniert die Erzählperson das Geschehen. Ähnlich wie die Märchenerzählerin, die auf dem Jahrmarkt eine Geschichte präsentiert. Gelegentlich spricht die Erzählperson die Leser*innen direkt an und holt sie etwas näher an die Geschehnisse heran. Die allwissende Erzählperson entscheidet, was sie wann erzählt, wie viel sie über die Figuren und deren Schicksal gleich zu Beginn verrät und in welchen Abständen sie nach und nach alles weitere enthüllt. Die Erzählperson könnte theoretisch alles erzählen, doch sie enthüllt das Geschehen in einem für die Leser*innen nachvollziehbaren Ablauf, kommentiert an der ein oder anderen Stelle, gibt auch mal einen Vorgeschmack auf das, was noch kommt, oder einen Rückblick auf das, was die Figuren vor der eigentlichen Geschichte erlebt haben. Sie entscheidet über das Tempo, in dem sie erzählt – ob sie eine Situation sekundengenau schildert oder ob sie zehn Jahre im Zeitraffer durchläuft. Sie entscheidet auch darüber, wie viel sie vom Gefühlsleben ihrer Figuren verrät, ob sie uns als Leser*innen nur an den Gedanken der Hauptfigur teilhaben lässt oder auch an den Gedanken der Nebenfiguren.

Natürlich sind es letztlich die Autor*innen, die entscheiden, wie und in welchem Tempo eine Geschichte erzählt wird. Doch so wie die Märchenerzählerin auf dem Jahrmarkt eine bereits existierende Geschichte auf ihre Weise präsentiert, sorgt die von den Autor*innen erfundene Instanz der allwissenden Erzählperson für die perfekte Illusion einer Person, die den Leser*innen eine Geschichte präsentiert.

Die auktoriale Erzählperspektive ist sehr mächtig und es ist nicht leicht, eine Geschichte auf diese Weise in Szene zu setzen. Obwohl die auktoriale Erzählperspektive in den vergangenen Jahrzehnten seltener geworden ist und damit hinter die personale Erzählperspektive zurücktritt, gibt es immer wieder Romane, die gekonnt und aus gutem Grund auktorial erzählt sind.

Beispielsweise „Die Schule der magischen Tiere“ von Margit Auer. In dieser Buchreihe spielen sehr viele, unterschiedliche Kinder eine wichtige Rolle. Die Geschichten sind auktorial erzählt, so können die verschiedenen Figuren sehr detailreich beschrieben werden, mit ihren Gedanken und Gefühlen, ohne die Perspektivfigur zu wechseln, was bei der personalen Erzählperspektive notwendig gewesen wäre (siehe unten).

Benni fasste neuen Mut. Ob sein magisches Tier draußen wartete? Natürlich, so musste es sein. Der Panther wartete draußen, um die anderen nicht zu erschrecken!
Ida hielt ebenfalls die Luft an. Auch sie hatte lange überlegt, welches Tier sie gerne hätte. Sie hatte noch nie ein Haustier gehabt. Miriam besaß einen Hamster namens Wolfgang Amadeus. Besonders viel anfangen konnte man aber nicht mit ihm, fand Ida. Der schlief eigentlich nur die ganze Zeit.

Margit Auer: Die Schule der magischen Tiere. Carlsen 2013, Seite 91.

Die personale Erzählperspektive

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts werden Romane immer häufiger in der personalen Erzählperspektive geschrieben. Besonders die Romane des Mainstreams sind oft personal erzählt.

In der personalen Erzählperspektive erleben die Leser*innen das Geschehen aus der Sicht einer Figur, der so genannten Perspektivfigur. Diese Figur ist Teil der Romanhandlung, sie kennt nur ihre eigenen Gefühle und Gedanken. Anders als bei der auktorialen Erzählperspektive kann in diesen Romanen nur geschildert werden, was die Perspektivfigur sieht, was sie hört und fühlt. Die geschilderte Handlung bleibt damit auf den Ausschnitt beschränkt, den die Perspektivfigur erlebt. Analysen und Interpretationen des Geschehens sind immer die Analysen und Interpretationen der Perspektivfigur. Als Autorin muss ich mich folglich fragen: Was kann diese Figur wissen? Welche Gedanken treiben sie um und passt die Interpretation eines Geschehens zu ihrem Weltbild?

Oft bleibt es nicht bei einer Perspektivfigur, das Romangeschehen wird aus Sicht von mehreren Perspektivfiguren geschildert. Bei der so genannten personalen Multiperspektive wechselt nicht die Erzählperspektive – es bleibt natürlich beim personalen Erzählen. Aber es wechselt die Perspektivfigur: In einem Krimi beispielsweise wird eine Passage aus Sicht der Kommissarin erzählt und eine andere Passage aus Sicht des Rechtsmediziners.

Wichtig ist der kontrollierte Wechsel der Perspektivfigur. Klare Einschnitte im Text wie ein neues Kapitel oder eine Leerzeile im Lauftext sind ein deutliches Signal, dass hier eine neue Perspektivfigur auftreten kann (aber nicht muss). Niemals sollte die Perspektivfigur innerhalb eines durchgängigen Textabschnitts wechseln, womöglich gar mehrfach. Das würde zur Verwirrung führen bei den Leser*innen, die mal die Gedankenwelt der einen Perspektivfigur zu lesen bekommen und mal die Gedankenwelt der anderen Perspektivfigur. Ein Einschnitt im Text wie der Beginn eines neuen Kapitels sind klare Signale, die den Leser*innen Orientierung geben und ihnen vermitteln, dass sie nun das Geschehen aus der Sicht einer anderen Perspektivfigur miterleben.

Der Wechsel der Perspektivfigur ermöglicht es den Autor*innen, ihre Geschichte aus der Sicht verschiedener Figuren zu präsentieren. Während die allwissende Erzählperson immer die gleiche Haltung gegenüber den Figuren und dem Geschehen hat, kann durch den Wechsel der Perspektivfigur auch die Sicht auf die Dinge und die Bewertung der Situation wechseln – denn es handelt sich ja um die Sicht verschiedener Figuren.

[Milan]
Die alte Dame öffnete ihnen die Tür mit einem so flehend hoffnungsvollen Gesichtsausdruck, dass es Milan fast das Herz zerriss.
Sie trug einen Morgenmantel und Plüschpantoffeln, beides farblich passend zu ihren blutunterlaufenen Augen. Die grauen Haare klebten ihr seitlich wie ein Vorhang am Kopf, was das dünne Gesicht noch schmaler wirken ließ. Ihre Hand fuhr zitternd zum Mund und blieb dort, als wollte sie schlechte Zähne verbergen. Dabei bemühte sie sich vermutlich nur darum, ihre zitternde Unterlippe zu verstecken. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
So musste eine Mutter aussehen, die sich an den Wunsch klammerte, alles wäre gut; dass die Polizisten ihr sagten, ihr vermisstes Kind sei gefunden worden und käme bald zu ihr zurück, gesund und wohlbehalten.
„Wer sind Sie?“, sagte sie zu Milan und Andra, aber selbst das klang nicht schroff oder abweisend, wie es um halb drei Uhr morgens angesichts wildfremder Besucher nur zu verständlich gewesen wäre.

[Jakob]
Jakob drückte Milan weg, legte sich […] auf das Motelbett und schloss die Augen. […] Zum Glück hatte sie das Gespräch eben nicht mitbekommen.
Er hatte keine Lust mehr auf Manöverkritik. Ihre altklugen Kommentare konnte die Pute sich sonst wohin stecken. Er fand, er hatte genug gearbeitet, während sie sich von ihm faul durch die Gegend chauffieren ließ und sich wie eine Diva benahm, nur weil sie den Plan erarbeitet hatte.
Aber was, bitte schön, war ein Plan ohne die Arbeiter, die ihn ausführten? Der Eiffelturm, die Pyramiden, nicht ein einziger verfickter Plattenbau wäre jemals gebaut worden, wenn es nur Architekten, aber keine Handwerker gäbe.

Sebastian Fitzek: Das Geschenk. Droemer 2021, Seite 167 und 220.

Die personale Erzählperspektive fordert die Leser*innen förmlich dazu heraus, in die Haut der Figuren zu schlüpfen und die Handlung aus den Augen der Figuren mitzuerleben. Sie sind ganz nah dran am Geschehen, werden emotional mitgenommen in das Erleben der Figuren und werden förmlich zu einem Teil der Geschichte.

Wird die gesamte Geschichte aus der Sicht nur einer Perspektivfigur geschildert, ist die Identifikation der Leser*innen mit der Figur ohne Bruch durchgängig möglich. Doch selbst beim Wechsel der Perspektivfiguren gelingt meist die Identifikation mit der Perspektivfigur, die am häufigsten auftritt. Als Leser*innen sind wir das Wechseln der Figuren gewohnt und so wundern wir uns nicht, wenn ein Kapitel aus der Sicht der Kommissarin geschildert ist und ein anderes Kapitel aus der Sicht des Rechtsmediziners.

Der Wechsel der Perspektivfiguren ist besonders bei der personalen Erzählperspektive der 3. Person vollkommen unauffällig. Werden die Figuren beim Namen und mit dem Personalpronomen der 3. Person benannt (sie/er), dann sind die Leser*innen bereits nach den ersten Sätzen eines neuen Abschnitts orientiert, aus wessen Sicht sie nun gerade eine Szene erleben.

Tenille starrte auf den Tisch hinunter. Sie hatte sich vorgemacht, es werde eine Art von Abenteuer sein. Aber das war es nicht. Sie war einsam und hatte Angst, und egal, wie sehr sie sich bemühte, es zu vergessen, Geno war tot. Und zwar ihretwegen.
[…]
Eine Autostunde entfernt saß Jane vor ihrem Laptop, den Kopf in die Hände gestützt. Ihre Mutter hatte sie zum Abendessen gerufen, aber sie hatte sich entschuldigt und einen verdorbenen Magen vorgeschützt.

Val McDermid: Das Moor des Vergessens. Aus dem Englischen von Doris Styron. Droemer 2006, Seite 244 und 245.

Nicht ganz so häufig wie die personale Erzählperspektive der 3. Person findet sich in Romanen des Mainstreams die personale Erzählperspektive der 1. Person. Wird in diesem Fall die Handlung eines Romans durchgängig aus der Sicht nur einer Perspektivfigur geschildert, so ist zu jedem Zeitpunkt klar, aus welchem Blickwinkel die Leser*innen eine Szene zu sehen bekommen. Meist handelt es sich bei der Perspektivfigur um die Hauptfigur der Geschichte. So auch in dem Jugendroman „Die Tribute von Panem“ von Suzanne Collins. Die Perspektivfigur ist Katniss, die Hauptfigur.

„Hallo Kätzchen“, sagt Gale. Eigentlich heiße ich Katniss, aber damals, als ich ihm zum ersten Mal meinen Namen sagte, habe ich ihn nur geflüstert. Und er hat Kätzchen verstanden.
[…]
Als er die Leckerei sieht, hellt sich Gales Miene auf. „Danke, Prim. Das wird ein richtiges Festessen.“ Plötzlich fällt er in den Kapitolakzent und macht Effie Trinket nach, die wahnsinnig gut gelaunte Frau, die jedes Jahr zur Ernte angereist kommt und die Namen verliest. „Fast hätte ich es vergessen! Fröhliche Hungerspiele!“ Er zupft ein paar Brombeeren von den Büschen um uns herum. „Und möge das Glück…“ Er wirft eine Brombeere in hohem Bogen in meine Richtung.
Ich fange sie mit dem Mund auf und lasse die feine Haut zwischen den Zähnen zerplatzen. Sofort breitet sich der süßsauere Geschmack auf meiner Zunge aus. „…stets mit euch sein!“, beende ich den Satz ebenso schwungvoll. Wir müssen uns darüber lustig machen; die Alternative wäre, vor Angst zu sterben.

Suzanne Collins: Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele. Deutsch von Sylke Hachmeister und Peter Klöss. Oetinger 2009, Seite 11 und 12.

Seit einigen Jahren finden sich immer häufiger Romane, die personal erzählt sind in der 1. Person, und bei denen die Perspektivfiguren wechseln. Hier ist es schwieriger, als Autor*in immer klarzustellen, wer gerade die Perspektivfigur ist. Denn meist wird der Name nicht genannt, die Perspektivfigur dieser Szene tritt nur als „ich“ in Erscheinung. Um für Klarheit zu sorgen, wird häufig den entsprechenden Passagen der Name der Perspektivfigur vorangestellt.

Hannah
Lernen ist wichtig. Man darf nicht dumm sein. Mir fällt das Lernen leichter als Jonathan, das war schon immer so. Er hat erst mit vier Jahren anständig Lesen gelernt.
[…]
Lena
Es war ein Donnerstag im Mai, als ich von der Welt verschwand. Alice wurde ins Kaninchenloch geschubst, stürzte kopfüber und ging beim Aufprall k.o. Ich schätze, er hat mir ein Betäubungsmittel gespritzt, bevor er mich in die Hütte verschleppte. Das Erste, woran ich mich erinnere, ist der Gestank von Schweiß, Urin und verbrauchter Luft. Dann, wie von weit weg, das Geräusch, wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte, und das Klicken eines Lichtschalters. Ich zuckte erst, als sein Fuß mehrmals gegen mein Bein stupste.
[…]
Matthias
Für einen Augenblick war da Frieden, eine ungekannte Akzeptanz, nur Karin und ich und der Himmel, in dem sich der neue Tag breitmachte. Dieser Moment, als wir uns aneinanderklammerten, war wie eine Insel, eine kleine willkommene Flucht. Zweifellos würden wir dort, wo wir waren, nicht ewig bleiben können, würde demnächst die Tür aufgehen und jemand eintreten, Gerd oder Giesner oder einer ihrer Männer, die uns zurückholten in die Realität. Das war mir klar, aber ich versuchte so sehr, nicht daran zu denken, dass ich natürlich erst recht daran dachte. Und dann war es ausgerechnet Karin, die den Moment vollends kaputtmachte.

Romy Hausmann: Liebes Kind. dtv 2020, Seite 44 und 89 und 135.

Erzählperspektive wechseln

Sehr häufig gibt es in einem Roman verschiedene Perspektivfiguren. In der personalen Erzählperspektive der 3. Person oder der 1. Person bekommen die Leser*innen immer wieder die Sicht einer anderen Figur präsentiert. Die wichtigste Empfehlung lautet hier, dass der Wechsel der Perspektivfigur niemals innerhalb einer Szene oder eines zusammenhängenden Textabschnitts stattfinden sollte, sondern immer nur nach einem sichtbaren Einschnitt im Text wie beispielsweise einem Kapitelanfang oder nach einer leeren Zeile.

Seltener zu finden ist in Romanen der Wechsel der Erzählperspektiven. Beispielsweise sind die sieben Bände der Harry-Potter-Reihe von J.K. Rowling überwiegend personal erzählt, Perspektivfigur ist die Hauptfigur Harry Potter. Doch gelegentlich wechselt Rowling zur auktorialen Erzählperspektive, um etwas erzählen zu können, was Harry Potter nicht miterlebt bzw. nicht bewusst miterlebt. So ist beispielsweise der Einstieg in den ersten Band der Reihe auktorial erzählt und erst auf Seite 24 wechselt Rowling zur personalen Erzählperspektive und ihrer Hauptfigur Harry Potter.

Mr und Mrs Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben.
[…]
Eine halbe Stunde später saß Harry, der sein Glück noch nicht fassen konnte, zusammen mit Piers und Dudley hinten im Wagen, auf dem Weg zum ersten Zoobesuch seines Lebens. Onkel und Tante war einfach nichts Besseres eingefallen, doch bevor sie aufgebrochen waren, hatte Onkel Vernon Harry beiseite genommen.
„Ich warne dich“, hatte er gesagt und war mit seinem großen purpurroten Gesicht dem Harrys ganz nahe gekommen, „ich warne dich jetzt, Junge – irgendwelche krummen Dinger, auch nur eine Kleinigkeit – und du bleibst von heute bis Weihnachten im Schrank.
„Ich mache überhaupt nichts“, sagte Harry, „ehrlich …“
Doch Onkel Vernon glaubte ihm nicht. Nie glaubte ihm jemand.
Das Problem war, dass oft merkwürdige Dinge um Harry herum geschahen, und es hatte einfach keinen Zweck, den Dursleys zu sagen, dass er nichts dafür konnte.

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen. Aus dem Englischen von Klaus Fritz. Carlsen 2000, Seite 5 und Seite 30.

Letztlich ist es Ansichtssache, ob Rowling die Erzählperspektive wirklich wechselt, oder ob sie eine auktoriale Erzählperson gewählt hat, die ganz überwiegend ihrer Hauptfigur die Bühne überlässt und sich nur sehr selten zu Wort meldet.

Obwohl ein Wechsel der Erzählperspektiven besonders in internationalen Bestsellern immer wieder zu sehen ist, wird diese Mischung hierzulande eher ungern gesehen. Da kann es passieren, dass einer Autorin bzw. einem Autor beim Erstlingsroman unterstellt wird, er hätte einen handwerklichen Fehler gemacht und das Prinzip der personalen Erzählperspektive noch nicht ganz verstanden. Denn besonders der Wechsel zwischen der personalen und der auktorialen Erzählperspektive ist verführerisch, da in der personalen Erzählperspektive beispielsweise nicht erzählt werden kann, was während der Ohnmacht der Perspektivfigur geschieht. Doch solche Ausflüge ins auktoriale Erzählen sind leicht zu erkennen und werden gerade bei Erstautor*innen gerne als Fehler interpretiert.

Die Erzählperspektive in literarischen Texten

Von literarischen Texten wird erwartet, dass sie besonders sind. Hier ist Experimentieren angesagt und so findet sich in literarischen Texten alles. Denn Literatur ist Kunst und von Künstler*innen wird erwartet, dass sie den üblichen Rahmen sprengen und anders erzählen als alles, was wir bisher kennen.

Dabei ist es sehr unterschiedlich, auf welche Weise literarische Autor*innen den Rahmen sprengen. Unter den literarischen Werken finden sich Romane wie „Wovon wir träumten“ von Juli Otsuka, der mit jeglicher Tradition bricht und in einem schmalen Band in der 1. Person Plural mit jedem Satz die Geschichte einer anderen Frau schildert.

Wir gebaren unter Eichen, im Sommer, bei fünfundvierzig Grad Hitze. Wir gebaren in Einzimmerhütten neben Holzöfen, in den kältesten Nächten des Jahres. Wir gebaren auf windigen Inseln im Delta, sechs Monate nach unserer Ankunft, und die Babys waren winzig und durchsichtig, und drei Tage später starben sie. Wir gebaren neun Monate nach unserer Ankunft, perfekte Babys mit vollem schwarzem Haar. Wir gebaren in staubigen Camps in den Weinbergen von Elk Grove und Florin. Wir gebaren auf entlegenen Farmen im Imperial Valley, nur mit der Hilfe unserer Männer, die aus dem Hausfrauen-ABC wussten, was sie zu tun hatten.

Julie Otsuka: Wovon wir träumten. Aus dem Amerikanischen von Katja Scholtz. Goldmann 2014, Seite 71.

Es finden sich auch Werke wie „Unterleuten“ von Juli Zeh, mit einer traditionell erzählten Geschichte in personaler Multiperspektive, die eine einzigartige Schilderung unserer heutigen Gesellschaft liefert.

Als Mizzie noch verlangt hatte, dass nach drei Stunden am Steuer eine Pause einzulegen sei, pflegte Meiler trotz Hunger, Müdigkeit oder voller Blase so lange aufs Gas zu drücken, bis sie ihr Ziel ohne Unterbrechung erreichten. Seit Mizzie – er hatte noch immer kein Wort dafür, denn sie war weder tot noch krank noch in einen anderen Mann verliebt – seit Mizzie also nicht mehr auf dem Beifahrersitz saß, hielt er sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung und beachtete die Drei-Stunden-Vorschrift. Konrad Meiler mochte Regeln, solange er sich selbst aussuchen konnte, welche er befolgte.

Juli Zeh: Unterleuten. Luchterhand 2016, Seite 48.

Die Erzählperspektive aus wissenschaftlicher Sicht

Die bisher geschilderte Beschreibung der Erzählperspektive ist der übliche Ansatz vieler Autor*innen. Sie entscheiden sich für die auktoriale oder personale Erzählperspektive und haben so eine Richtschnur, die ihnen zeigt, welche Kunstgriffe beim Schreiben möglich sind und welche sie besser lassen.

Der literaturwissenschaftliche Ansatz verfolgt ein anderes Ziel: Die verschiedenen Theorien zur Erzählperspektive sollen es möglich machen, literarische Texte hinsichtlich der Erzählperspektive zu analysieren, zu interpretieren und zu beschreiben. Da literarische Texte oft aus den üblichen Erzählweisen ausbrechen, sind komplexere Theorien notwendig, um die Texte analysieren und beschreiben zu können. Entsprechend vielschichtig sind die Theorien, die durch die Berücksichtigung sehr unterschiedlicher Faktoren auch feinste Unterschiede beschreiben können. Wie mit einem Prisma werden die Erzählperspektiven der literarischen Werke anhand der Erzähltheorien in feinste Facetten aufgespalten, um sie genauer betrachten und beschreiben zu können.

Zu den neueren Theorien zählen beispielsweise die Erzählperspektive nach Stanzel, die Erzählperspektive nach Genette und die Erzählperspektive nach Schmid. Einen ersten Eindruck und einen Überblick über den literaturwissenschaftlichen Ansatz liefert Wikipedia unter dem Stichwort Erzählperspektive.

Der wissenschaftliche Ansatz ist ein sehr spezieller Blick auf die Dinge und für Erstautor*innen wenig geeignet, um ins Schreiben zu kommen. Das ist ähnlich wie bei gutem Essen. Oft sind drei Personengruppen beteiligt: Gäste, die sich über ein gutes Essen freuen. Köch*innen, die ein gutes Essen zubereiten. Und Lebensmitteltechniker*innen, die anhand ihrer Analysen zeigen, welche Inhaltsstoffe für den guten Geschmack sorgen.

Auch bei Büchern sind unterschiedliche Personengruppen beteiligt. Wir haben es mit Leser*innen zu tun, die sich über gute Geschichten freuen. Autor*innen, die gute Geschichten schreiben. Und Literaturwissenschaftler*innen, die anhand ihrer Analysen zeigen, wie vielschichtig manche Texte sind. Die Interessen der drei Personengruppen sind sehr unterschiedlich und entsprechend unterschiedlich sind die Herangehensweisen.

Experimentierfreudige und fortgeschrittene Autor*innen können anhand der literaturwissenschaftlichen Theorien viele neue Erkenntnisse gewinnen, besonders wenn sie literarische Werke schreiben möchten. Doch für den Einstieg ins Schreiben sind die wissenschaftlichen Ansätze wenig hilfreich.

Welche Erzählperspektive soll es denn nun sein?

Wenn Sie ein Buch schreiben möchten, dann fragen Sie sich vielleicht, welche Erzählperspektive Sie denn nun für Ihren ersten oder Ihren nächsten Roman wählen sollen. Dieser Frage können Sie sich am besten nähern, wenn Sie überlegen, was Sie für Ihre Geschichte brauchen:

  • Möchten Sie einen Mainstream-Roman schreiben? Dann ist die personale Erzählperspektive der 3. Person eine gute Wahl. Die personale Multiperspektive ist die beste Möglichkeit, unterschiedliche Facetten der Geschichte zu erzählen und die Leser*innen schnell in die Geschichte zu ziehen.
  • Wie emotional soll die Geschichte werden? Sehr emotional und ganz nah dran an den Figuren? Auch hier ist die personale Erzählperspektive von Vorteil. Besonders die personale Erzählperspektive der 1. Person trägt die Emotionen ganz dicht an die Leser*innen heran.
  • Soll es ein literarisches Werk werden? Analytisch, bissig, hintergründig? Dann bietet sich die auktoriale Erzählperspektive an.

Egal, ob Sie einen Roman schreiben oder ein Kinderbuch schreiben möchten: Die folgenden Beispiele zeigen, dass jede Erzählperspektive andere Vor- und Nachteile mit sich bringt, die es sorgfältig abzuwägen gilt.

Kindern mutet man ungern den Wechsel von Perspektivfiguren zu, da angeblich zu schwierig. Doch mit der auktorialen Erzählperspektive hat Margit Auer eine Möglichkeit gefunden, in ihrer Romanreihe „Die Schule der magischen Tiere“ ohne Wechsel der Perspektivfigur unterschiedliche Figuren und deren Gedanken und Gefühle näher zu beschreiben.

Früher wurden die großen Gesellschaftsromane auktorial erzählt, um figurenübergreifende Analysen und Interpretationen der gesellschaftlichen Verhältnisse zu liefern. Doch der aktuelle Gesellschaftsroman „Unterleuten“ von Juli Zeh zeigt, dass auch mit der personalen Erzählperspektive wunderbare Gesellschaftsromane entstehen können. In diesem Roman ist es nicht die allwissende Erzählperson, die kommentiert, analysiert und interpretiert und auf diese Weise unsere Gesellschaft seziert. Die Geschichte ist personal erzählt, wirkt so besonders emotional und rückt den Leser*innen noch näher. Hier sind es die Figuren mit ihren typischen Lebensläufen, ihren Normen und Werten, die unsere Gesellschaft vorführen. Und so berührt es uns besonders unangenehm, dass die Lebenslügen unserer Generation entlarvt werden und die Bereitschaft der Figuren offengelegt wird, die eigenen Überzeugungen zu verraten, solange nur das Geld stimmt.

2 Kommentare zu „Die Erzählperspektive“

  1. Liebe Frau Dr. Huesmann,
    ich habe eine Frage zu Zeitangaben in einem Buch. Ist es unbedingt erforderlich, dass die Geschichte in einem Roman in einer bestimmten Zeit spielt?
    Muss der Leser wissen, welches Jahr ist, welcher Monat, welcher Tag? Genügt es, von “heissen Sommertagen” zu reden oder bei Rückblicken von “ein paar Wochen früher?” Reicht es aus, diese Angaben dann zu machen, wenn sie für die Handlung wichtig sind? Z.B. “Am Samstag hatte er noch Geld, diesen Montag beginnt er die Woche wieder bei Null”
    Vielen Dank für eine kurze Meinung dazu.
    Grüsse aus Freiburg
    Martin Ziegler

    1. Die Schreibtrainerin

      Hallo Herr Ziegler,

      kommt natürlich auf den Roman und die genauen Umstände drauf an. Aber wenn die konkrete Zeit keine weitere Rolle spielt für die Handlung, sind vage Angaben völlig ausreichend, bzw. Monat / Wochentag / Tageszeit.

      Viel Freude beim Schreiben!
      Anette Huesmann

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll to Top