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Kurzgeschichten schreiben

Das Schreiben von Kurzgeschichten wird oft nicht ganz ernst genommen. Doch seit Alice Munro den Literaturnobelpreis für ihre Kurzgeschichten erhielt, gewinnt diese Kurzform an Bedeutung. Kurzgeschichten zu schreiben bringt gleich zwei Vorteile mit sich: Zum einen können Autor*innen mit überschaubarem Aufwand ihre Ideen zu Papier bringen. Zum anderen bieten Kurzgeschichten die Möglichkeit, das Handwerk des Schreibens zu lernen und zu üben, bevor man längere Projekte wie einen Roman in Angriff nimmt.

Kurzgeschichten und Romane unterscheiden sich vor allem durch die Länge des Geschriebenen. Während typische Romane etwa 250 bis 350 Buchseiten umfassen, liegen typische Kurzgeschichten meist zwischen 5 und 15 Buchseiten. Natürlich bringt die Textlänge weitere Unterschiede mit sich: Während Kurzgeschichten schnell auf den Punkt kommen, ist in Romanen mehr Zeit für Handlung und Figuren. Dennoch gibt es viele Prinzipien, die Kurzgeschichten und Romane gemeinsam haben.

Das haben Kurzgeschichten und Romanen gemeinsam

Sowohl Kurzgeschichten als auch Romane erzählen eine Geschichte. Natürlich gibt es Ausnahmen, die gibt es immer. Dennoch handelt es sich bei den meisten Kurzgeschichten und Romanen um eine Geschichte. Also stellt sich die Frage: Was macht eigentlich gute Geschichten aus?

Die Grundstruktur einer Geschichte lässt sich auf eine einfache Formel bringen:

Eine Figur hat ein Problem und versucht, eine Lösung zu finden.

Gelingt es der Figur auf Anhieb, ihr Problem zu lösen, haben wir keine Geschichte. Verliebt sich beispielsweise eine Figur und das Gegenüber erwidert die Liebe und die beiden heiraten und sind glücklich bis ans Ende ihrer Tage – dann haben wir keine Geschichte. Denn Geschichten handeln davon, wie Figuren trotz aller Widrigkeiten eisern an ihrem Ziel festhalten und mit dem Mut der Verzweiflung darum kämpfen, ihr Problem zu lösen. Das heißt, in typischen Liebesgeschichten verliebt sich die Figur – und irgendetwas ist schwierig. Sehr schwierig. Nur dann haben wir eine Geschichte.

Die übliche Struktur von Geschichten
Eine gute Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss. Das bedeutet konkret: Zu Beginn der Geschichte bekommt die Figur ein Problem. In der Mitte der Geschichte hat die Figur es noch nicht geschafft, ihr Problem zu lösen. Doch es geschieht etwas, oft etwas ganz Unauffälliges, was sich erst am Ende als bedeutsam herausstellt: Eine winzige Weichenstellung, die es der Figur möglich macht, am Ende ihr Problem zu lösen. Für den Schluss gibt es typischerweise drei Möglichkeiten. Der Figur gelingt es, ihr Problem zu lösen: Happy End. Oder es gelingt ihr nicht: ein tragischer Schluss. Oder die Leser*innen erfahren nicht, ob die Figur ihr Problem lösen kann: ein offenes Ende.

Unterschiede Kurzgeschichten und Romane

Ein typischer Roman umfasst 250 bis 350 Buchseiten. Das gibt viel Raum, um die Figur vorzustellen und zu beschreiben, wie es ihr geht und wie sie versucht, ihr Problem zu lösen. Das heißt, als Leser*innen eines Romans dürfen wir an der kompletten Geschichte teilhaben: Wir lernen die Figur und ihr Problem kennen. Und im Anschluss schauen wir Seite um Seite der Figur dabei zu, wie sie verzweifelt versucht, ihr Problem zu lösen.

Bei den großen Romanen vergangener Jahrhunderte haben sich die Romanautor*innen oft viel Zeit gelassen. Zu Beginn der Romane wird zunächst über viele Buchseiten die Hauptfigur und ihre gewohnte Welt vorgestellt, bevor das Problem erkennbar wird. In der heutigen Zeit kommen die Autor*innen oft schneller zum Punkt: Schon auf den ersten Seiten taucht das Problem auf, mit dem die Hauptfigur auf den folgenden 300 Buchseiten zu kämpfen hat. Nicht selten ist gleich zu Beginn die ganze Reichweite des Problems zu erkennen. Doch manchmal bekommen wir beim Einstieg nur eine erste Ahnung des Problems zu spüren und Figur und Leser*innen begreifen erst ganz allmählich von Kapitel zu Kapitel, welches Ausmaß des Schreckens das Problem mit sich bringt.

In Kurzgeschichten dagegen ist kein Platz für viele Worte. Für die Vorstellung der Figur und ihrer gewohnten Welt ist wenig Raum. Die Handlung steuert innerhalb weniger Buchseiten auf ihren dramatischen Höhepunkt zu.

Dennoch erzählt so manche Kurzgeschichte eine komplette Geschichte: Am Anfang lernen die Leser*innen die Figur kennen und erfahren von dem Problem der Figur. Im weiteren Verlauf der Handlung erleben wir, wie die Figur versucht, ihr Problem zu lösen.

Andere Kurzgeschichten wiederum verkürzen das Ganze. Sie steuern schnell und pointiert auf eine überraschende Wendung oder ein überraschendes Ende zu. Es wird nur kurz erwähnt, wie es zu dem dramatischen Geschehen kommen konnte. Anfang und Mitte der Geschichte wird oft stark verkürzt oder nur angedeutet oder ganz der Phantasie der Leser*innen überlassen. Die Handlung entwickelt sich rasant und der dramatische Höhepunkt bildet den oft überraschenden Schluss der Kurzgeschichte. Das heißt, in diesen Fällen wird nicht der komplette Verlauf einer Geschichte erzählt. Die Autor*innen konzentrieren sich auf den dramatischen Höhepunkt und vertrauen darauf, dass sich die Leser*innen den Rest zusammenreimen.

Im Folgenden zwei Beispiele, wie unterschiedlich Kurzgeschichten auf wenigen Buchseiten eine Geschichte in Szene setzen.

Kurzgeschichte mit viel Raum für Figuren und Vorgeschichte

Die Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro lässt sich in ihren Kurzgeschichten viel Zeit. Liebevoll beschreibt sie ganz ausführlich die Figuren und ihre Geschichten entwickeln sich oft ganz allmählich. So auch bei der Kurzgeschichte „Freie Radikale“ in dem Kurzgeschichtenband „Zu viel Glück“, übersetzt von Heidi Zerning, Fischer Taschenbuch 2013, Seite 141 bis 166.

In dieser Geschichte widmet sich Munro auf 7 Buchseiten (S. 141 bis 148) der Beschreibung der Hauptfigur Nita. Behutsam und in allen Details schildert sie, wie es Nita kurz nach dem Tod ihres Mannes geht. Sie ist schon vor einiger Zeit an Krebs erkrankt und hat neben den Begleiterscheinungen des Krebses nun auch noch mit ihrer Trauer zu kämpfen. Erst auf Seite 148 taucht das Problem der Figur auf in Gestalt eines fremden Mannes. Auf den folgenden Seiten wird erst so ganz allmählich klar, dass der Mann ein dreifacher Mörder auf der Flucht ist. Und dass Nita fürchten muss, ebenfalls getötet zu werden. Doch dann greift sie zu einer List: Sie erzählt ihm, dass sie ebenfalls getötet hätte und bisher niemand von dem Mord weiß. Er sei der erste Mitwisser. Durch diese Lüge glaubt er, sie in der Hand zu haben. Als er seine Flucht schließlich fortsetzt, lässt er sie als vermeintliche Mörderin ungeschoren zurück. Wenig später erfährt Nita, dass der Mörder auf seiner Flucht tödlich verunglückt ist und sie nichts mehr zu fürchten hat.

In dieser Kurzgeschichte erleben wir einen ganz typischen Verlauf für einer Geschichte:
Zu Beginn schildet Munro ganz ausführlich die Hauptfigur: Nita ist durch den Krebs geschwächt und lebt seit dem kürzlichen Tod ihres Mannes allein.
Dann taucht ihr Problem auf: Ein Mörder auf der Flucht dringt bei ihr ein. Nita muss fürchten, dass er sie tötet, damit sie seinen Fluchtweg nicht der Polizei verraten kann.
Die Figur findet eine Lösung: Durch Nitas Lüge glaubt der Mörder, dass er sie in der Hand hat. Er setzt seine Flucht fort und lässt sie unverletzt zurück.
 



Eine dramatisch zugespitzte Kurzgeschichte

Auf den überraschenden Schluss zugespitzt ist die Kurzgeschichte „Personenschaden“ von Stefan Valentin Müller, erschienen in der Anthologie „Totenstille Nacht“, Rowohlt Verlag 2012, Seite 167 bis 177.
Auf knapp 10 Seiten schildert Müller, wie ein Mann aus einem Auto steigt, durch den verschneiten Wald zu einem nahegelegenen Gleis stapft und sich vor den mit 300 km heranrasenden ICE stellt. Zwischen dem Verlassen des Wagens und dem Suizid liegen 10 Buchseiten und 18 Minuten Fußmarsch durch den Wald. In kurzen Rückblenden erfahren die Leser*innen, dass der Mann Lokführer ist und ICE fuhr – bis vor einem Jahr, als er mit seinem ICE einen Mann erfasste, der sich mit Suizidabsicht vor seinen Zug gestellt hatte. Der Lokführer hat sich von diesem Schock nicht erholt, er konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben und seine Frau Irene trennte sich von ihm. Irene zog zu Erik, dem besten Freund des Lokführers. Erik ist ebenfalls Lokführer und hat mit seinem ICE bereits sechsmal einen Menschen mit Suizidabsicht überfahren. Doch im Gegensatz zur Hauptfigur dieser Geschichte steckte Erik das bisher locker weg. Vermutlich bis zu diesem Tag – denn erst mit den letzten Zeilen dieser Kurzgeschichte wird der perfide Plan des Lokführers deutlich: Er stellt sich in Suizidabsicht vor den ICE seines früheren besten Freundes und lächelt, als er in die entsetzten Augen Eriks hinter dem Steuer des heranrasenden ICEs blickt.

Die Geschichte hinter dieser Kurzgeschichte hat einen ganz typischen Verlauf:
Hauptfigur: der Lokführer
Sein Problem und damit der Anfang der Geschichte: Ein Mann stellt sich vor den ICE des Lokführers. Der Lokführer wird nicht damit fertig, dass er im Dienst unabsichtlich einen Menschen getötet hat. Dabei spielt es für ihn keine Rolle, dass dieser Mensch Suizid begehen wollte.
Mitte der Geschichte: In den darauffolgenden Monaten wird der Lokführer von seiner Frau Irene verlassen. Irene zieht zu Erik, der bis zu diesem Zeitpunkt der beste Freund des Lokführers war. Außerdem wird dem Lokführer klar, dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben kann.
Die Lösung und damit der Schluss: Der Lokführer begeht Suizid und nutzt die Gelegenheit, sich bei seiner Ex-Frau und seinem ehemals besten Freund zu rächen.

Beim Erzählen konzentriert sich Müller ganz auf den dramatischen Höhepunkt der Geschichte: den Suizid. Die Kurzgeschichte setzt rund 18 Minuten vor dem Suizid des Lokführers ein. Von den vorhergehenden Ereignissen erfahren wir nur durch die Gedanken des Mannes, der auf seinem Weg zu den Schienen das zurückliegende Jahr Revue passieren lässt. Die Leser*innen erfahren keine Details, es gibt keine Dialoge und keine ausführlichen Beschreibungen. Geschildert wird nur der Marsch durch den verschneiten Wald, die Gedanken des Lokführers und der winzige Moment, als sich die beiden Männer in die Augen blicken: der Lokführer mit Suizidabsicht und sein ehemals bester Freund Erik hinter dem Steuer des heranrasenden ICEs.

 

 

Dr. Anette Huesmann ist Autorin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Sprachwissenschaftlerin. Sie leitet Workshops zum Kreativen Schreiben, schreibt Bücher und berät (angehende) AutorInnen. Hier finden Sie die aktuellen Schreibkurse und hier erfahren Sie mehr über ihr Beratungsangebot.
  1. Björn Scherer-Mohr Antworten

    Werte Frau Huesmann,

    ich habe ein Problem mit Kurzgeschichten, die ich Literaturagenturen
    anbieten möchte. Viele lehnen diese kategorisch ab.
    Gerade bei meinem Genre Humor/Satire leuchtet mir das gar nicht
    ein. Ich besitze zahlreiche Bücher dieses Genre, alle Sammlungen
    mit kurzen Texten. Gutes Beispiel: Robert Gernhardt, der Weg durch die Wand.
    Gibt es Literaturagenturen, die Kurzgeschichten im Bereich Leichte Unterhaltung akzeptieren? Vielen Dank im Voraus,
    Björn Scherer-Mohr

    • Die Schreibtrainerin Antworten

      Hallo Herr Scherer-Mohr,

      ich kenne keine Literaturagentur, die Kurzgeschichten vermittelt. Was nichts heißen muss, vielleicht gibt es trotzdem welche. Aber mir ist keine bekannt. Aber Sie haben natürlich die Möglichkeit, sich direkt an Verlage zu wenden, von denen Sie wissen, dass sie Kurzgeschichten-Bände herausbringen. Allerdings halte ich auch da die Chancen für eher gering, dass es gelingt, einen Verlag zu finden. Aussichtsreicher sind Ausschreibungen. Es werden immer wieder einzelne Kurzgeschichten für Kurzgeschichten-Sammlungen gesucht. Die Suche nach einzelnen Kurzgeschichten wird oft öffentlich ausgeschrieben. Solche Ausschreibungen finden Sie beispielsweise auf https://www.autorenwelt.de/verzeichnis/aufrufe. Da stehen die Chancen besser, zumindest eine einzelne Kurzgeschichte zu veröffentlichen.

      Viel Erfolg!
      Anette Huesmann

  2. Stephanie Fabian Antworten

    Danke für so viel kompaktes Wissen mundgerecht aufbereitet!
    Das könnte ich mir doch mal vornehmen… mich an Kurzgeschichten zu versuchen. Danke für die Anregung!

  3. Konstantin Stevanovic Antworten

    Hallo,
    scheint ja ganz einfach zu sein, eine Kurzgeschichte zu schreiben.
    Ich finde die Qualität der Kurzgeschichten sehr gut.
    Mir war nicht bewusst, dass es so Simpel geht.
    Wünsche weitere gute Erfolge.

    • Die Schreibtrainerin Antworten

      Das scheinbar Einfache, das so leichtfüßig daherkommt, ist meist am schwierigsten ;-)

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