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Warum ich meinen Krimi direkt nach seinem Erscheinen am liebsten umgeschrieben hätte

Vor kurzem fielen die Rechte meines Krimis „Die Glut des Bösen“ vom Aufbau Verlag wieder an mich zurück. Und dann konnte ich endlich tun, was ich schon seit dem Ersterscheinungstag am liebsten getan hätte: Ich aktualisierte den Text. Denn kaum war mein Krimi rund um das berühmte Heilkundebuch der Hildegard von Bingen im Frühjahr 2012 in Druck gegangen, gab es überraschende Neuigkeiten.

Als Anfang 2020 die Nachricht vom Aufbau Verlag kam, dass sie meinen Krimi aus dem Programm nehmen wollten, musste ich nicht lange nachdanken. Seit seinem Ersterscheinungstag im Juni 2012 wusste ich, dass ich meinen Krimi aktualisieren würde, wenn ich eines Tages die Gelegenheit dazu hätte.

Das hatte mich damals echt Nerven gekostet. Ich hatte jahrelang für diesen Krimi recherchiert: Ich hatte alles über Hildegard von Bingen gelesen, was ich in die Finger bekommen konnte. Ich hatte ihr Heilkundebuch gelesen. Ich hatte einige Tage im Gästehaus der Benediktinnerinnenabtei St. Hildegard in Rüdesheim verbracht. Ich war auf dem Disibodenberg gewesen, dort sind die Ruinen des alten Klosters zu sehen, in dem Hildegard von Bingen als Jugendliche eingemauert worden war. Und ich hatte Bingen besucht, wo noch die letzten Reste der Ruine vom Kloster Rupertsberg zu sehen sind, das Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert mit ihren Ordensschwestern eigenhändig erbaut hatte.

All dieses Wissen floss in meinen Krimi ein. Da der Krimi in der Neuzeit spielt, habe ich auch darüber berichtet, welchen Stellenwert Hildegard von Bingen heute hat, wie ihre theologischen Schriften gesehen werden und wie ihre anderen Schriften, darunter das berühmte Heilkundebuch. Und nicht zuletzt habe ich darüber geschrieben, wie die katholische Kirche zu ihrer berühmtesten Ordensfrau steht: 800 Jahre lang haben sich die verschiedensten Gruppen und Personen darum bemüht, dass die katholische Kirche Hildegard von Bingen heilig spricht. Doch der Vatikan rührte sich nicht und es gab auch keine Erklärung, warum sie ihre berühmteste Theologin nicht heiligsprechen mochten. Natürlich stellen meine Figuren in diesem Krimi auch ein paar Überlegungen an, was die katholische Kirche wohl davon abhalten könnte, Hildegard von Bingen heiligzusprechen.

Am Ersterscheinungstag schon veraltet

Im Jahr 2010 hatte ich meinen Krimi fertiggestellt. 2011 habe ich den Vertrag mit dem Aufbau Verlag unterschrieben. Anfang 2012 wurde das Manuskript lektoriert. Im Mai 2012 ging mein Krimi in den Druck, denn als Ersterscheinungstag war der 25 Juni 2012 geplant.

Und dann kam diese unglaubliche Nachricht: Am 10. Mai 2012 sprach der damalige Papst Benedikt XVI., ein Hildegard-Kenner und -Bewunderer, Hildegard von Bingen heilig. Ich war vollkommen fassungslos. Nachdem ich nun so viele Jahre mit der Recherche zugebracht hatte, wurde Hildegard von Bingen vollkommen überraschend nach mehr als 800 Jahren Stillschweigen seitens der Kirche doch noch heiliggesprochen. In einem vollkommen unüblichen, verkürzten Verfahren. Natürlich hatte ich davon gehört, denn Ende 2011 gab es die ersten Gerüchte, dass Papst Benedikt die Heiligsprechung Hildegards plante. Aber ich konnte nicht fassen, dass er es in dieser Nacht-und-Nebel-Aktion tatsächlich durchzog.

Blöd gelaufen. Die Druckerschwärze meines Krimis war noch nicht einmal richtig getrocknet, schon war er nicht mehr aktuell. Sofort war mir klar: Sollte ich das Manuskript jemals wieder in die Finger bekommen, würde ich es auf den neuesten Stand bringen. Als dann vor einigen Monaten die Nachricht vom Aufbau Verlag kam, dass die Rechte meines Krimis an mich zurückfallen würden, habe ich keine Sekunde gezögert. Ich habe mir die vom Verlag lektorierte Fassung vorgenommen und ein paar Änderungen gemacht. Es gab nur wenige Stellen, die ich anpassen musste. Denn an dem Leben und Werk der Ordensfrau hatte sich ja nichts geändert. Und auch nicht an dem jahrhundertelangen Stillschweigen der katholischen Kirche. Und die Heiligsprechung im Jahr 2012 verlief überraschend und außergewöhnlich genug, um noch den ein oder anderen Hinweis für die Story meines Krimis zu liefern.

Sollte ich den Titel ändern?

Ein bisschen kniffeliger war für mich die Überlegung, ob ich den Titel meines Krimis ändern sollte. Denn die Änderung eines Titels ist eine heikle Sache. Im dümmsten Fall kann es mir passieren, dass einige Leser*innen, die meinen Krimi schon gelesen haben, sich das Buch ein zweites Mal kaufen – und erst beim Lesen merken, dass sie es schon kennen. Natürlich würden sie sich ägern, dass sie Geld für einen Krimi ausgegeben haben, der schon in ihrem Bücherregal steht. Und sie würden sich zurecht ärgern.

Das wollte ich unbedingt verhindern. Doch der Titel „Die Glut des Bösen“, den der Aufbau Verlag für mein Buch gewählt hatte, war mir nicht eindeutig genug. Ich fand, er verriet zu wenig über den Inhalt des Buches. Und auch das Cover der Erstausgabe ließ nicht vermuten, dass es sich um einen Krimi handelt, bei dem sich alles um Hildegard von Bingen dreht. Das wollte ich gern ändern.

Also wählte ich als neuen Titel „Das Vermächtnis der Hildegard von Bingen“. Damit es nicht zu Verwechslungen kommt, nahm ich den alten Titel mit in den neuen Titel auf. Der vollständige Titel des Krimis lautet nun: Das Vermächtnis der Hildegard von Bingen – Die Glut des Bösen. Der neue Titel ist leider etwas lang, doch das scheint mir ein eher kleiner Preis dafür, dass er für Klarheit sorgt.

Ein neues Cover musste her

Nun fehlte mir nur noch ein neues Cover. Darauf sollte Hildegard von Bingen zu sehen sein. Außerdem sollte es klarstellen, dass es sich nicht um einen historischen Krimi handelt. Dafür kam mir das Gefährt der Hauptfigur, der Journalistin Emma Prinz, gerade recht. Denn Emma fährt einen alten VW-Bus – und so kam es dazu, dass auf dem neuen Cover ein Graffiti der berühmten Ordensfrau zu sehen ist, das auf eine Ruine gesprüht wurde, und davor parkt ein alter VW-Bus. Übrigens diente als Hintergrund für dieses Cover ein Foto, das die Klosterruine auf dem Disibodenberg zeigt. Als ich bei meinen Recherchen damals die Ruine besichtigte, sind viele Fotos entstanden und eines davon ist nun auf dem Cover der Neuauflage zu sehen.

P.S. Wer mir etwas Gutes tun mag: Eine gute Rezension oder eine gute Bewertung in einem der Online-Buchshops ist immer sehr hilfreich. Danke schön :-)

Dr. Anette Huesmann ist Autorin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Sprachwissenschaftlerin. Sie leitet Workshops zum Kreativen Schreiben, schreibt Bücher und berät (angehende) AutorInnen. Hier finden Sie die aktuellen Schreibkurse und hier erfahren Sie mehr über ihr Beratungsangebot.

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