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Krimi schreiben – die 10 wichtigsten Tipps

Vier Kriminalromane habe ich bisher geschrieben und fünf weitere angefangen. Die beiden letzten Krimis hat ein Verlag veröffentlicht. Die ersten zwei habe ich zwar zu Ende gebracht, aber sie waren nicht gut genug für eine Veröffentlichung. Denn zu Beginn fehlte mir das Handwerk. Im Laufe der Jahre habe ich dazu gelernt und heute weiß ich, was funktioniert und was nicht. Hier meine wichtigsten Tipps.

1. Die Idee

Ein guter Krimi braucht eine gute Grundidee. Denn eine außergewöhnliche Idee ist die beste Voraussetzung für eine besondere Geschichte. Eine gute Idee hat oft nur ein ungewöhnliches Detail: ein außergewöhnlicher Schauplatz oder ein überraschendes Motiv oder eine ungewöhnliche Figur oder eine außergewöhnliche Mordmethode usw. Hauptsache ungewöhnlich und / oder überraschend. Sind bei der Grundidee gleich mehrere Dinge ungewöhnlich, umso besser.

2. Der Plot

Am Ende eines Krimis sollten die Leser*innen

1. überrascht sein
2. glauben, sie hätten das Ende erraten können

Das heißt, ein guter Krimi braucht einen logischen Schluss. Ich persönlich glaube, das ist nur machbar, wenn man vorher alles durchplant. Also muss man vor dem Schreiben plotten, das heißt, einen Handlungsverlauf für das gesamte Buch entwickeln.

Um das hinzukriegen, erstelle ich vor dem Plotten für die wichtigsten Figuren je einen Zeitstrahl. Da wir Menschen der Zeit unterliegen, gibt es für uns einen natürlichen zeitlichen Verlauf. Alle Ereignisse lassen sich auf einem Zeitstrahl abbilden. Zeitstrahlen sind wertvolle Planungswerkzeuge für den Plot. Außerdem helfen sie mir, beim Schreiben den Überblick zu bewahren.

Für die Täterin benötige ich einen Zeitstrahl, der meist weit in die Vergangenheit reicht: Ich notiere alle Ereignisse, die vor der Tat geschahen und am Ende zur Tat führen. Das kann in der Kindheit beginnen oder zwei Tage vor der Tat. Ich vermerke alle Ereignisse, die ich für einen logisch aufgebauten Plot brauche. Dazu gehört natürlich auch alles, was später von der ermittelnden Hauptfigur ausgegraben wird. Außerdem brauche ich einen genauen Tatablauf, am besten minutengenau oder – falls notwendig für den Plot – sekundengenau. Hinzu kommt alles, was nach der Tat geschieht: Was macht die Täterin, um die Tat zu vertuschen bzw. um der Strafe zu entkommen? Begeht sie weitere Morde? Was tut sie, um die Polizei zu täuschen?

Die ermittelnde Hauptfigur bekommt ihren eigenen Zeitstrahl. Meist genügt es, den Zeitraum der Ermittlungen abzudecken – vom Fund der Leiche bis zur Aufklärung des Falles. Ich beginne mit den Ereignissen, die relevant sind für den Krimi. Das kann zwei Abende vor der Tat sein oder am Morgen nach der Tat. Dann folgen alle wesentlichen Ereignisse für die Ermittlungen: Was entdeckt die Figur wann? Was folgt dann? Der Zeitstrahl endet mit der Aufklärung oder mit den Ereignissen, die unmittelbar im Anschluss stattfinden. Der Zeitstrahl für die ermittelnde Hauptfigur läuft vom Fund der Leiche bis zur Aufklärung des Falles parallel zum letzten Abschnitt auf dem Zeitstrahl der Täterin.

Mit einem chronologischen Zeitverlauf für die wichtigsten Figuren habe ich die besten Voraussetzungen geschaffen, um einen schlüssigen Plot mit einem befriedigenden Schluss zu entwickeln. Nicht alles, was auf dem Zeitstrahl abgebildet ist, wird sich später im Plot wiederfinden. Manche Details sind nur für die Planung wichtig, nicht für die Handlung. Aber auch während des Schreibens ist der Zeitstrahl jeder Figur eine wertvolle Arbeitshilfe. Mir reicht ein Blick darauf, um mich zu erinnern: Was hat die Hauptfigur bereits aufgedeckt und was wird sie in Kürze entdecken? Was macht die Täterin gerade und wohin muss ich sie bugsieren, damit sie zur Verhaftung auch an der richtigen Stelle auftaucht?

3. Dramaturgie

Damit der Krimiplot einen guten Spannungsbogen bekommt, sind Dramenmodelle sehr hilfreich, beispielsweise der Dreiakter und die Heldenreise. Sie sorgen für eine gute Dramaturgie im Handlungsverlauf.

Meine persönliche Erfahrung: Spielt in einem Krimi das Privatleben der Hauptfigur eine große Rolle bzw. ist die Hauptfigur persönlich in den Fall verstrickt, funktioniert die Heldenreise als Dramenmodell sehr gut. Bei der Heldenreise spielt die Entwicklung der Hauptfigur eine wichtige Rolle und sorgt für dramatische Wendepunkte im Plot. Erlebt die Hauptfigur kein persönliches oder privates Drama, funktioniert meist der Dreiakter als Dramenmodell besser. Denn hier können wichtige Ermittlungsergebnisse für dramatische Wendepunkte im Plot sorgen.

4. Die Figuren

Wie für jeden Roman gilt auch für einen Krimi: Die Figuren brauchen eine gewisse Tiefe, sie müssen interessant sein und ihre Handlungen glaubwürdig. Das betrifft die ermittelnde Hauptfigur ebenso wie den Täter. Um die nötige Tiefe hinzukriegen, sollte man vorab ein psychologisches und soziales Profil der Figuren erstellen. Die Profile geben für jede Szene, für jede einzelne Aktion und Reaktion die Richtung vor: Warum reagiert diese Figur so? Warum sagt sie das bzw. warum handelt sie auf diese Weise? Alle Dialoge und Handlungen jeder einzelnen Figur müssen in sich schlüssig sein. Das ist nur mit einem psychologischen und sozialen Profil hinzukriegen.

Das Wichtigste: Die Hauptfiguren und ihre Handlungen müssen glaubwürdig sein. Glaubwürdig heißt nicht realistisch. Es gibt eine Menge spannender Krimis, die alles andere als realistisch sind. Sie schildern Arbeitsabläufe, Ermittlungsdetails, Handlungen oder Gespräche, die es im wahren Leben so nie geben würde. Nichtsdestotrotz können unrealistische Elemente wunderbare Stilmittel sein, um einen spannenden Krimi zu erzählen. Dennoch müssen sie glaubwürdig sein, das heißt, in der Welt der Geschichte und der Figuren müssen alle Ereignisse in sich schlüssig und logisch bleiben. Es gibt also immer einen Grund, warum die Figur so handelt oder warum etwas passiert. Solange die Logik in der Geschichte stimmt, akzeptieren die Leser*innen eine Menge merkwürdiger Dinge.

5. Zeitraum

Eine weitere wichtige Planungsgrundlage für den Plot ist der Zeitraum: Über welchen Zeitraum erstreckt sich die Handlung des Krimis? Verläuft die szenisch geschilderte Handlung über einen Zeitraum von zehn Jahren, so sind Zeitsprünge notwendig, um die Geschichte quasi im Zeitraffer erzählen zu können. Wo können Zeitsprünge gut im Plot untergebracht werden?

Denkbar wäre auch, dass die Handlung eines Krimis innerhalb weniger Stunden stattfindet. In diesem Fall werden die Szenen kurz getaktet hintereinander ablaufen, vielleicht sogar ganz ohne Zeitsprünge. Damit die Spannung nicht zu kurz kommt, sind Krimis mit einem engen Zeitfenster meist actionreicher als andere.

Wird die Geschichte rein chronologisch erzählt oder mit Rückblenden? Nehmen die Rückblenden nur wenige Sätze ein oder ganze Szenen? Rückblenden sind schwer in den Griff zu kriegen, sie reißen die Leser*innen immer aus der aktuellen Geschichte heraus. Deshalb will gut überlegt sein, ob es überhaupt Rückblenden gibt und wie diese in das aktuelle Geschehen eingebunden sind. Man sollte den Spannungsaufbau so steuern, dass Rückblenden den Plot nicht ausbremsen.

6. Schauplatz

Ein Schauplatz ist der Ort, an dem eine Szene spielt. Der Schauplatz ist wesentlich für die Atmosphäre einer Szene. Die Verhaftung einer Täterin wird in einem Kindergarten anders verlaufen als auf einer Müllkippe: Die Umgebung ist eine andere, Gerüche und Geräusche sind anders. Außerdem hat die Täterin je nach Schauplatz sehr unterschiedliche Möglichkeiten, um sich der Festnahme zu widersetzen.

Die Atmosphäre des Schauplatzes sollte einen guten Rahmen bilden für die Szene und die darin geschilderte Handlung. Außerdem ist ein ungewöhnlicher und abwechslungsreicher Schauplatz eine wertvolle Ergänzung für den Spannungsaufbau in einer Szene.

7. Falsche Fährten

Möchte man den Leser*innen nicht zu früh verraten, wer hinter der Tat steckt, können falsche Fährten den Verdacht auf andere Figuren lenken. Diese waren vielleicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort, auch wenn sie mit der ganzen Sache nichts zu tun haben, oder in ihrem Besitz finden sich wichtige Beweismittel oder sie haben ein starkes Motiv. Falsche Fährten müssen glaubwürdig sein, um zumindest eine Zeitlang die Leser*innen täuschen zu können. Außerdem sollten sie nicht auf Anhieb als falsche Fährten erkennbar sein. Dafür muss man sie zu einem guten Zeitpunkt präsentieren und mit anderen Ereignissen koordinieren.

8. Thema

Ein gutes Thema kann eine schwache Geschichte nicht zu einer starken Geschichte machen. Aber ein gutes Thema kann einen spannenden Krimi zu einem außerordentlichen Krimi machen. Das Thema im weitesten Sinne ist ein wesentliches Element, das immer wieder auftaucht und sich durch die gesamte Geschichte zieht. Ist beispielsweise Umweltschutz das Thema, dann wird ein Mitarbeiter des Umweltbundesamtes ermordet, das Mordmotiv ist seine zuletzt getroffene Entscheidung in einem Streitfall, Verdächtige sind Umweltschützer*innen und Mitarbeiter*innen der betroffenen Unternehmen. Auf diese Weise taucht das Thema Umweltschutz in praktisch jeder Szene auf und spielt eine wesentliche Rolle für die gesamte Geschichte.

Ein spannendes Thema kann zum Beispiel ein bestimmtes berufliches Umfeld sein, ein soziales Milieu, ein geschichtliches Ereignis, eine Interessensgruppe, ein Jubiläum, ein bestimmter Mensch und vieles mehr. Krimileser*innen sind an den unterschiedlichsten Themen interessiert und greifen umso lieber zu einem Krimi, wenn sie so ganz nebenbei interessante Dinge über ein bestimmtes Thema erfahren. Am besten wählt man etwas, für das man sich selber interessiert. Denn es braucht viel Wissen zu einem Thema, um es für eine Geschichte nutzen zu können.

9. Die Szeneliste

Aus den Zeitstrahlen der wichtigsten Figuren entwickle ich den Plot und dann eine Szeneliste. Das heißt, ich setze den geplanten Handlungsverlauf Schritt-für-Schritt in eine Abfolge von Szenen um. Dazu muss ich mir für jedes Ereignis, das ich schildern möchte, weitere Einzelheiten überlegen. Will ich beispielsweise den Fund eines wichtigen Beweisstückes beschreiben, so muss ich festlegen: Wer findet das Beweisstück? Die Polizei? Ein Spaziergänger? Wie kommt es zu dem Fund? Oder plane ich lieber eine Szene ein, in der die ermittelnde Hauptfigur per Telefon lediglich vom Fund erfährt? Wo ist sie dann gerade? Sitzt sie im Auto? Oder schläft sie schon seit Stunden und wacht durch das Telefon auf, da der Anruf weit nach Mitternacht kommt? Oder ist sie gerade beim Einkaufen im Supermarkt?

Um die wichtigsten Details jeder Szene planen zu können, erstelle ich mir eine Szeneliste in Form einer Tabelle. Darin notiere ich: Wann und wo spielt die Szene, welche Figuren kommen darin vor, was geschieht und aus wessen Perspektive wird erzählt? Enthält die Liste alle Ereignisse der Geschichte, so kann ich schon früh erkennen, ob alles funktioniert – ob der Ablauf passt, die Anschlüsse stimmen und der Spannungsverlauf dramatisch genug ist.

Der Plot: Die Glut des Bösen von Anette Huesmann

Ein Ausschnitt der Szeneliste von meinem Krimi „Die Glut des Bösen“, der 2012 im Aufbau Verlag erschien.

Eine Szeneliste hilft mir nicht nur beim Planen der Geschichte. Sie hilft mir auch, mich schnell zu orientieren, wenn ich nach einer (längeren) Pause endlich wieder die Zeit finde, weiterzuschreiben.

10. Nicht zuletzt: ein guter Schluss

Das Wichtigste für einen guten Krimi ist ein guter, logischer Schluss. Ein schlechter Schluss macht aus einer guten Geschichte eine mittelmäßige oder sogar eine schlechte Geschichte. Taucht der Täter oder die Täterin auf den letzten Seiten des Krimis aus dem Nichts auf, reagieren die meisten Leser*innen verärgert. Ein guter Schluss muss glaubwürdig sein und sich logisch aus dem ergeben, was im Laufe der Geschichte geschieht. Deshalb sollte der Plot schlüssig aufgebaut sein, damit die kausal verknüpften Ereignissen scheinbar automatisch zu einem logischen und nicht vorhersehbaren Ende führen.

Dr. Anette Huesmann ist Autorin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Sprachwissenschaftlerin. Sie leitet Workshops zum Kreativen Schreiben, schreibt Bücher und berät (angehende) AutorInnen. Hier finden Sie die aktuellen Schreibkurse und hier erfahren Sie mehr über ihr Beratungsangebot.

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