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So entstand die Heldenreise

Die Entstehungsgeschichte der Heldenreise – des erfolgreichsten Dramenmodells für Bücher und Filme

Schon seit Jahrhunderten beschäftigen sich Forscher und Geschichtenerzähler mit der Struktur und den Inhalten von Geschichten: Was wird erzählt und wie wird es erzählt? Die daraus entstehenden Modelle dienen je nach Standpunkt und eigenem Interesse entweder zur Beschreibung existierender Geschichten oder für die Planung eigener Geschichten.

Das bekannteste Dramenmodell geht auf den griechischen Philosophen Aristoteles zurück. Im 4. Jahrhundert vor Christus beschreibt er in seinem Buch „Poetik“ die Dreiaktstruktur von Dramen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde dieses Modell von verschiedenen Dramatikern weiterentwickelt. So entstand daraus das Fünfaktmodell, das der deutsche Schriftsteller Gustav Freytag 1863 in seinem Buch „Technik des Dramas“ erläutert. Freytags Publikation wurde zu einem der wichtigsten dramaturgischen Lehrbücher seiner Zeit.

Das Buch zur Heldenreise von Joseph Campbell.

Ein Jahrhundert später stellte der US-amerikanische Professor und Autor Joseph Campbell ein gänzlich anderes Grundmuster von Geschichten vor, das heute sehr weite Verbreitung gefunden hat: die Heldenreise. Campbell war ein Mythenforscher, der die überlieferten Geschichten vieler Völker der Erde untersuchte. Dabei analysierte er die Gemeinsamkeiten zwischen den Mythen der verschiedensten Kulturkreise. Er veröffentlichte 1949 das Buch „The Hero with a Thousand Faces“ und schildert darin das Grundmuster, das all diese Geschichten miteinander verbindet (deutscher Titel: Der Heros in tausend Gestalten. Erschienen als Insel Taschenbuch 2011).

Die Heldenreise als erprobtes Dramenmodell

Die Heldenreise ist ein universelles menschliches Erfahrungsmuster, das sich in allen Mythologien der Erde nachweisen lässt. Und damit ist es zugleich ein jahrhundertealtes und vielfach erprobtes Dramenmodell. Denn Mythen werden über Jahrhunderte mündlich überliefert. Und nur die Geschichten überdauern die Zeiten, die das Publikum wirklich liebt. Mit der Heldenreise hat Campbell ein bewährtes Grundmuster von Geschichten anschaulich gemacht.

Einige Jahre nach dem Erscheinen von Campbells Buch griff der US-amerikanische Drehbuchautor Christopher Vogler das Prinzip der Heldenreise auf. Vogler arbeitete für die Entwicklungsabteilungen der 20th Century Fox, Walt Disney Studios und Paramount Pictures. Schon als Student beschäftigte er sich intensiv mit den Prinzipien des Geschichtenerzählens und besonders Campbells Buch hatte es ihm angetan. Damals kam gerade „Star Wars“ von George Lucas in die Kinos und Campbells Heldenreise verriet Vogler, warum dieses Heldenepos so einen Erfolg hatte. Erst später erfuhr er, dass auch George Lucas die Heldenreise von Campbell kannte und in seinem Film konsequent umgesetzt hatte.

Christopher Voglers Buch zur Heldenreise.

Vogler wandte die Heldenreise als Dramenmodell auf den Film an und veröffentlichte im Jahr 1997 sein Lehrbuch „The Writer’s Journey – Mythic Structure For Writers“ (deutscher Titel: Die Odyssee des Drehbuchschreibers – Über die mythologischen Grundmuster des amerikanischen Erfolgskinos. Erschienen im Verlag Zweitausendeins 2010.). Darin erläutert der Dramaturg anhand von vielen Beispielen, wie die Heldenreise bei der Entwicklung von Filmstoffen eingesetzt werden kann.

Heldenreise ergänzt den Fünfakter

In den 1980er und 1990er Jahren wurde an den Filmhochschulen vor allem das Dramenmodell des Dreiakters und Fünfakters gelehrt. Heute hat die Heldenreise ebenfalls weite Verbreitung gefunden und wird meist ergänzend eingesetzt. Denn während die Dramenmodelle nach Aristoteles vor allem den Handlungsablauf berücksichtigen, konzentriert sich die Heldenreise auf die emotionale und geistige Entwicklung der Hauptfigur.

Bis heute sind viele Hollywoodfilme nach dem Grundmuster der Heldenreise entstanden, beispielsweise „Pretty Woman“, „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Die Schöne und das Biest“. Auch beim Fernsehen nutzen viele DrehbuchautorInnen dieses Modell. Doch die Heldenreise findet nicht nur als Dramenmodell für Filme und Bücher Anwendung. Sie wird inzwischen auch in vielen anderen Bereichen angewandt wie Persönlichkeitsentwicklung, Wissensmanagement und Marketing.

Mehr zur Heldenreise und was genau darunter zu verstehen ist, findet sich hier: die Heldenreise.


Mehr davon? In meinem Schreibkurs “Intensivkurs Plotten” erläutere ich das Prinzip der Heldenreise und zeige, wie man beim Schreiben von Romanen mit diesem Dramenmodell arbeitet. Die Heldenreise eignet sich zum Plotten und für die Überarbeitung von Plots – egal ob Komödie oder Tragödie, Buch oder Drehbuch.

Dr. Anette Huesmann ist Autorin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Sprachwissenschaftlerin. Sie leitet Workshops zum Kreativen Schreiben, schreibt Bücher und berät (angehende) AutorInnen. Hier finden Sie die aktuellen Schreibkurse und hier erfahren Sie mehr über ihr Beratungsangebot.

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